Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 139
Gebiet wie Belgien sendet seine Uberschufsbevölkerung in diebenachbarten, dünnbevölkerten Länder Deutschland 1 und Eng-land 2 . Und dann die Kreuzzüge und was dazu gehört!
3. kommt für Lebensfähigkeit einer gewerblichen Wirtschafts-form erheblich in Betracht der Grad der Bevölkerungsdichtig-keit und der Bevölkerungsagglomeration. Beide sind, wiewir wissen, bezw. mit Sicherheit vermuten dürfen, während desr ganzen Mittelalters gering. England hat bis ins 10. Jahrhundert
eine Bevölkerung von 2 1 /a Millionen Seelen gehabt, in den übrigeneuropäischen Ländern wird die Dichtigkeit der Bevölkerung nichtviel gröfser gewesen sein, vielleicht von Italien und Frankreich ab-gesehen. In Frankreich sollen im 14. Jahrhundert 40 Menschenauf dem Quadratkilometer gewohnt haben, dann sinkt die Be-völkerung und erreicht am Ende des 10. Jahrhunderts erst wiederden Stand, den sie 200 Jahr früher inne hatte 3 . Dafs aber dieAgglomeration der Bevölkerung in Städten während des Mittelalterseine sehr geringe war, haben die Untersuchungen der letzten Jahr-zehnte erwiesen. „Grofsstädte“ waren im 14. Jahrhundert Städtevon 40-00000 Einwohnern, und deren gab es etwa ein Dutzendin Europa 4 : Mailand, Venedig, Genua, Bologna, Florenz, Neapel ,v Palermo, Barcelona, London, Brügge, Gent, Köln, Lübeck und
wahrscheinlich noch einige Städte in Frankreich und Spanien : nurParis und Konstantinopel zählen in jener Zeit je mehrere Hundert-tausend Einwohner. Dann folgten noch im 15. Jahrhundert einigewenige Handelscentren mit 20—40 000 Einwohnern: in Deutschland etwa 5 6 Danzig (1415) 40000, Hamburg (1419) 22000, Augsburg (1475!) 18300, Nürnberg (1449) 20—25 000, Strafsburg (1473—77)20—30000, Ulm (1427) ca. 20000, Breslau (1415) 21866. Die über-wiegende Mehrzahl aber der mittelalterlichen Städte werden kleine
1 Vgl. das S. 136 Anm. 6 cit. Werk von Borchgrave.
2 W. Cunningham, Die Einwanderung von Ausländern nach England im 12. Jahrhundert in der Zeitschr. für Soc. u. W. Gr. 3, 177 ff.
3 Levasseur, Popul. fran$. 1, 166 ff., 288 (Übersicht).
4 J. Bel och, Die Entwicklung der Grofsstädte in Europa in Comptes
f rendus et Memoires du VIII. Congres international d’IIygiene et de Demo-
graphie (1894) 7, 58. Ypern sollte nach einer „glaubwürdigen“ Urkunde im13 Jahrh. 200000(1) Einw. haben. A. Vandenpeereboom, Ypriana 4 (1880), 24.Urk. von 1258 reduziert die Ziffer auf 40000. Pirenne, Gesch. Belg. 1, 311.
6 Siehe die Zusammenstellung bei Inama im H. St. 2 2 , 663 ff., wo fürjede Ziffer die Quelle genannt ist, der sie entstammt. Über die Ermittelungs-methoden handelt am ausführlichsten J. Jastrow, Die Volkszahl deutscherStädte zu Ende des Mittelalters. 1886.