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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.

läfst sich nämlich mit grofser Bestimmtheit sagen, dafs diejenigegewerbliche Produktionstechnik, die allein mit Handwerk verträg-lich ist, die geradezu als d i e Teölmik des Handwerks erscheint,mit der das Handwerk steht und fällt, das empirische Ver-fahren ist, das alle Geschichte hindurch bis in die zweite Hälftedes 18. Jahrhunderts hinein die Gewerbe beherrscht hat. Dasempirische Verfahren ist ein Kunst verfahren 1 . In ihm äufsertsich ein Können, das auf der Unterlage individuellen, persönlichenWissens von der Zweckmäfsigkeit bestimmter Vornahmen zur Er-zielung eines bestimmten Erfolges sich aufbaut. Der Baumeisterweifs, welcher Art das Material sein mufs, wie es zu einander zufügen ist, um dem Hause Stabilität zu geben; der Gerber weifs,dafs eine Ochsenhaut, wenn er sie ein Jahr lang in eine Brühe ausEichenlohe legt, gegerbt sein wird; der Schuster weifs, wie ersanzufangen hat, um aus einem Stück Leder ein Paar Stiefeln her-zustellen: sie alle kennen das Was? und das Wie? des Arbeits-verfahrens; sie alle arbeiten nach bestimmten Regeln. Ihre Auf-fassung ist insofern eine rein teleologische, als sie stets nur imHinblick auf einen zu verwirklichenden Zweck einen Handgriffoder eine andere Vornahme zu beurteilen verstehen.

Das technische Können haftet also an einer bestimmten Person:demMeister. Es lebt mit ihm, es stirbt mit ihm. Und darumbedarf es der persönlichen Unterweisung einesLehrlings durchden Meister, damit die Kunst erhalten bleibe und sich fortpflanze.Ich deutete schon darauf hin, wie sehr die ganze Struktur desHandwerks, wie sehr auch das Gefüge der Zunft bestimmt warendurch diese Eigenarten des empirischen Verfahrens, wie sie nichtzuletzt dem Zwecke dienen sollten, das technische Können einerZeit der künftigen Generation zu übermitteln. In den Anfängenmenschlicher Kultur, wo derartige Einrichtungen noch nicht ge-troffen sind, ist es die Regel, dafs die Kette der Überlieferung un-ausgesetzt abbricht und jede Generation von neuem sich in denBesitz des alten Könnens zu setzen suchen mufs.

Aber auch nachdem grundsätzlich die Kontinuität des tech-nischen Vermögens durch die Einsetzung der Lehre gewährleistetist, bleibt die Entfaltung der technischen Leistungsfähigkeit beidem empirischen Verfahren doch immer in enge Schranken ge-bannt. Und zwar aus einem zweifachen Grunde:

1 Genaueres siehe in meiner Gewerblichen Arbeit S. 17 ff. und im drittenKapitel des zweiten Bandes.