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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. ]43

Erstens vermag sich der Produktionsprozefs niemals ganz vonden organischen Funktionen des Arbeiters zu emanzipieren; alleProduktion bleibt alleweil die Emanation einer bestimmten Per-sönlichkeit, von deren Augen, Ohren, Händen ihr Erfolg individuellabhängig ist. Quantitativ und qualitativ bleibt somit alles Verfahrenin den engen Umkreis des Individuell-Organischen eingeschlossen.

Zweitens ist die Art und Weise, wie unter der Herrschaft desempirischen Verfahrens das technische Wissen und Können ver-mehrt wird, sehr unvollkommen. Diese Mehrung bleibt entwederganz und gar dem Zufall überlassen, so dafs gar kein Wille derÄnderung oder des Bessermachens, sondern nur der Wille desWiederebensomachens vorhanden ist und lediglich das als Neuerunghinzutritt, was zufällig im Laufe der Thätigkeit, gleichsam vonaufsen herein, dem Arbeiter als neue Erfahrung in den Schofs fällt.Oder aber wo überhaupt nach Verbesserung gestrebt wird, da istes ein ungeschicktes Herumtasten und Herumprobieren im Dunkeln,ohne klares Bewufstsein einer bestimmt zu lösenden Aufgabe.

Aus der Eigenart des empirischen Verfahrens allein lassen sicheine Reihe von Charakterzügen erklären, die allem vorkapitalistischenGewerbewesen anhaften. Die Bildung der Berufssphären selbst zu-nächst: sie erfolgt in wirklichorganischer Entwicklung, d. h.im Anschlufs und unter ausschliefslicher Berücksichtigung des per-sönlichen Vermögens der Produzenten; d. h. also ohne jede Rück-sichtnahme auf die objektiven Anforderungen des Produktions-prozesses.

Aber auch der Berufsstolz, die specifisch handwerksmäfsigeBerufsehre ist ohne empirisches Verfahren nicht denkbar. Esbedurfte der durch die Jahrhunderte überlieferten, rein persön-lichen Kunstfertigkeit, um deren Träger das Gefühl einer bestimmtenBerufszugehörigkeit als besonderen Reiz empfinden zu lassen. DerBergmann, der Steinmetz, der Schwertschmied waren jeweils dieVerweser ihrer speciellen Kunst, deren gemeinsamer durch persön-liche Vermittlung erworbener Besitz sie selbstverständlich gegenalle Uneingeweihten abschliefsen mufste. Dafs eine Düngerfabrik,eine Anstalt zur Herstellung des besten Haarwassers oder der halt-barsten Pneumatik ähnliche Seelenstimmungen weder im Unter-nehmer noch im Arbeiter zu erzeugen vermögen, ist handgreiflich.Aus der Natur des empirischen Verfahrens lassen sich aber auchalle Eischeinungen mühelos ableiten, in denen eine scheue Ehr-furcht vor denMysterien einer gewerblichen Kunst oder dasBestreben ihrer Jünger zu Tage tritt, selbst ihr Können mit einem