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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.

Umgegend oder vom Nachbar-Handwerker aus der Nebenstrafsebezogen werden, wie es in primitiven Wirtschaftszuständen häufigder Fall ist: Holz, Häute, Hörner, Getreide, Mehl, Leder, Flachs,Wolle, Farbstoffe, gewöhnliche Felle stammten in den Anfängender Tauschwirtschaft meist aus der nächsten Umgebung der Stadtoder aus dieser selbst. Unter Voraussetzung der noch zu erörtern-den Stabilität und geringen Expansionsfähigkeit der gewerblichenProduktion des alten Handwerks mufste es unter solchen Umständenfür den Handwerker ein leichtes sein, sich ohne viel Umschweifedie nötigen Materialien für seine Produktion zu verschaffen.

Oder, wo die Kreise schon anfingen weiter gezogen zu werden,von einem gröfseren Gebiete die Erzeugnisse bedurft wurden, z. B.die Wolle aus einer ganzen Landschaft, und Rohstoffe in gröfserenMengen eingekauft wurden, da konnte doch immer noch die Ver-treterschaft der Zunft oder angestellte Aufkäufer 1 genügen, solange es sich um regelmäfsig wiederkehrende, jederzeit überblick-bare, ungestörte Vorgänge handelte. Wenn nur dafür gesorgtwurde, dafs nicht etwa die erforderlichen Rohstoffe aus demnatürlichen Bezugsgebiete der Zunft weggeführt wurden. Es istschon eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen, auf denendas Handwerk ruht, wenn wir aus den erlassenen Ausfuhrverbotenersehen, dafs jene Selbstverständlichkeit der Rohstoffbeschaffungin Frage gestellt wird 2 .

Aber man darf nicht etwa wähnen, das Handwerk sei not-wendig und immer auf eine Verarbeitung der Rohstoffe aus nächsterUmgebung angewiesen. Es genügt eine oberflächliche Überlegung,um einzusehen, dafs auch nur ein mäfsig entwickeltes Gewerbe-wesen der Erzeugnisse specialisierter Fund- und Produktionsstättenals Materialien nicht entraten kann: Eisen und Bronze, Edel-metalle, kostbare Pelze, wertvolle Bausteine und Edelsteine, einzelneFärbemittel wie Alaun haben von jeher aus weiterer Umgebungherbeigeholt werden müssen. Und jahrhundertelang hat sich eineecht handwerksmäfsige Produktion damit recht gut abgefunden.

Die Voraussetzung aber ist auch hier, dafs die Bezugsver-hältnisse sichere, stabile seien und jedes spekulativen Mo-

1 Uber diese vgl. Schmoller S. 58. Die Staatsbürger Wollschlägerhatten gegen 1300dreizehn Unterkäufer, die sie mehr oder weniger als ihreUntergebenen betrachteten.

2 Die Krisis der handwerksmäfsigen Tuchindustrie im 16. Jahrhundertwird gröfstenteils hervorgerufen durch Wegnahme des Rohstoffs aus der Um-gegend der Städte. Schmoll er S. 154.