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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 447

mentes entbehren. Mochte nun der Handwerker oder seine Zunft-vertreter selbst die weite Reise unternehmen 1 oder mochte er desHändlers harren, der ihm die nötigen Materialien in herkömmlicherWeise zu bringen pflegte.

Auch vor dem Händler braucht der Handwerker sich nicht zufürchten, so lange dieser selbst in das feste Gefüge des gleichsamstereotypierten Wirtschaftslebens eingegliedert ist, d. h. gleicheWaren zu gleichen Bedingungen in regelmäfsigen Beziehungen alsein Handwerker des Warenabsatzes liefert. Wann diese Bedingungenerfüllt sind, werden wir im Folgenden erst zu ersehen vermögen,wo wir die dem Handwerk adäquaten Absatzverhältnisse kennenlernen werden 2 .

Was aber dem Handwerker bei der Gestaltung der Bezugs-verhältnisse auch zu gute kommt, aufser gleichsam ihrer Struktur,ist stets ein niedriger Preis der Rohstoffe und Halbfabrikate.Denn ein solcher weitet den Kreis derjenigen Personen aus, dieim stände sind, mit eigenem Vermögen zu produzieren, sich alsoselbständig zu erhalten. Nun ist aber in primitiven Wirtschafts-verhältnissen, in den Anfängen der Tauschwirtschaft der Preis derRohstoffe deshalb im Verhältnis zu dem Wertbetrage, den die Arbeitdes Handwerkers den Materialien durch ihie Verarbeitung zusetzt,niedrig, weil 1. im Falle des Nahebezuges nur Produktionsaufwandund nicht auch Transportkosten vergütet werden brauchen und2. in allen Fällen der erst mit der Zeit die Preise der Agrar-produkte so mächtig in die Höhe treibende Anteil der Grundrentesich noch nicht bemerkbar macht. Wir werden noch an andererStelle sehen, welche grofse Bedeutung die Entwicklung der Grund-rente für die Existenzfähigkeit des Handwerks gehabt hat. Hiergenügt einstweilen der kurze Hinweis.

Welcher Art aber müssen die Absatzverhältnisse im

1 Dem ersten Strafsburger Stadtrechte zufolge geben die Kürschner selbstnach Frankfurt zum Einkauf des Rohmaterials. Vgl. auch v. Below, Grols-händler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter in den Jahrbüchern fürN. 0., III. F., Bd. 20, S. 48. Wie beispielsweise ein Kapitel sich durch Aus-sendung seines Baumeisters und eines Kanonikus in den Besitz der Bau-materialien für den Bau seiner Kirche zu setzen pflegte, schildert in an-schaulicher Weise für Xanten St. B eis sei, S. J., Geldwert und Arbeitslohnim Mittelalter (1885) 37 ff.

2 Ein besonders lehrreiches Beispiel für die Regelung der Bezugsver-hältnisse für Importrohstoffe zu Gunsten des Handwerks bietet die Baum-wolle, die von der Baseler Shirtingweberei verbraucht wurde, bei GeeringS. 306 f. Vgl. auch noch Br. Hildebrand in seinen Jahrbüchern 6, 129 f.

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