Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 157
ganz erstaunlich hohe gewesen sind. Diese hohen Transportkostenwirkten nun aber, wie ersichtlich, gleich einem natürlichen „Schutz-zoll“ zu Gunsten der heimischen Erzeugnisse eines bestimmtenOrtes. Zieht man, wie gesagt, auch noch diesen Vorsprung in Be-tracht, den der lokale Produzent vor dem fremden hatte, erwägtman des ferneren die fast bis zur Unmöglichkeit gesteigerte Schwierig-keit, die Produktionskosten herabzusetzen, so kommt man zu derÜberzeugung, dafs eine ortsferne Warenproduktion überhaupt nurunter der Voraussetzung einer Art von Monopol möglich war, d. h.dafs es fast immer Specia 1 itäten waren, deren Her-stellungsart ein Geheimnis blieb, mit denen fremde Märktebezogen werden konnten * 1 . In dieser natürlichen Monopolstellung,
betrug die Zahl der Zollstätten noch einmal 17. Vgl. jetzt B. Weissenborn,Die Elbzölle und Elbstapelplätze im Mittelalter (1901) und im übrigen, wasim 9. Kapitel des weiteren über die Höhe der Transportkosten bemerkt ist.
1 . eine gleichmäfsige Beherrschung aller Zweige der Textil-
industrie . . . fehlte nicht nur, sondern es bestand geradezu das Gegenteil.Die eine Gegend war der andern in diesem oder jenem Zweige vorauf, hierwurde besser blau gefärbt, dort verstand man sich besser auf die Bereitungvon Lodentüchem, an einem dritten Orte kamen andere Vorzüge zur Geltung“.A. Schulte 1, 112. „Schon früh hat sich das Gewerbe — sc. die Scliürlitz-weberei — specialisiert; in Ulm wurde rot, in Augsburg schwarz gefärbt,Köln war neben grün und schwarz namentlich für den blau und weifs ge-würfelten „Cölsch“ berühmt . . . der Baseler Vogelschürlitz war blau oderblau und weifs.“ Geering S. 308. Einen guten Überblick über die weit-gehende Entwicklung von Speeialitäten im Tücher ge werbe giebt das inFlandern im 12. Jahrhundert entstandene Gedicht Conflictus ovis et liniv. 169—212, abgedruckt in M. Haupts Zeitschrift für deutsches Altertum 11(1859), 220 f. Noch viel länger aber als die Wollindustrie ist die Sei den -industrie Monopol einzelner Städte geblieben. Es dauert Jahrhunderte, ehesie sich selbst in Italien von Lucca auf Genua, Mailand und andere Städteausbreitet. Wie sehr das zweite grofse Exportgewerbe des Mittelalters — dieMetallindustrie, namentlich in der Waffenbranche — die Specialität ent-wickelte, ist bekannt. Die Klingen von Toledo, Brescia und Passau , diePanzer und Harnische von Mailand, Insbruck, Nürnberg hatten allerorts einMonopol. Vgl. aufser den bereits genannten Werken W. Böheims etwanoch H. von Duyse, Über den Handel mit Hiebwaffen in verschiedenenEpochen in der Zeitschr. für histor. Waffenkunde 1, 65 ff. Um uns einerichtige Vorstellung von der Bodenständigkeit des mittelalterlichen Ge-werbewesens zu machen, müssen wir es etwa mit der modernen agra-rischen Specialitätenproduktion vergleichen. Die Landwirtschaft hat dankihrer Abhängigkeit von den natürlichen Bedingungen des Produktionsortesnoch heute, namentlich für Delikatessen, eine weitgetriebene Lokalisierungihrer Erzeugnisse bewahrt. Es giebt für Gourmes Specialkarten, auf denen dieberühmtesten Produktionsorte für die Bestandteile einer guten Küche ver-
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