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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.

(las Handwerk als notwendig erkannten Voraussetzungen voll er-füllt, so bedarf es überhaupt solcher Hilfskonstruktionen nicht.Umgekehrt: ist keine der Bedingungen erfüllt, von denen dasHandwerk abhängig ist, so sind auch die kunstvollsten Hilfs-konstruktionen nutzlos. Zwischen diesen Extremen liegt das An-wendungsgebiet der zünftigen Organisation des Handwerks. Unddas ist offenbar ein sehr grofses. Denn es ist klar, dafs dieExistenzbedingungen für das Handwerk einmal dem Grade nachunendlich verschieden erfüllt sein können, dafs aber ferner die Be-dingungen verschieden sich gestalten können zur gleichen Zeit vonOrt zu Ort, von Gewerbe zu Gewerbe.

In wie hohem Mafse dies der Fall ist, lehrt ein Blick auf diegeschichtliche Entwicklung.

Zunächst: ob jemals für alle Gewerbe zu einer bestimmten Zeitan allen Orten sämtliche Bedingungen erfüllt gewesen sind, die wirtheoretisch festgestellt haben, ist schwerlich mit Bestimmtheit zusagen; sicher sind es immer nur kürzere Zeitläufe gewesen,. indenen diese Voraussetzung zutraf, in denen also ein Handwerker-stand bei freiheitlicher Gewerbeordnung 1 ungefährdet bestanden hat.Wie schon angedeutet, scheint es, als ob ein solches Maximum vongünstigen Umständen für das Handwerk in den früheren Zeitendes europäischen Mittelalters, in Deutschland etwa bis um dieWende des 13. Jahrhunderts bestanden habe.

Was aber sicher ist, ist dieses, dafs jene zweite Periode in derGeschichte des Handwerks, jene Periode derHilfskonstruktionen,in der also die Existenzbedingungen für das Handwerk sich all-mählich und Stück für Stück verschlechtern, in denen überhaupterst eine Gefährdung handwerksmäfsiger Produktion beginnt, un-endlich viel länger dauert. Wir können sie in Deutschland aufreichlich ein halbes Jahrtausend bemessen, d. h. auf die Zeit von13001350 bis 18001850. Es ist, wie ersichtlich, das Zeitalterder Zunftgesetzgebung und Zunftorganisation, die sich aus unschein-baren Anfängen in diesem halben Jahrtausend zu einem immerkunstvolleren Systeme ausgestalten, in dem Mafse wie ein Hand-werk nach dem andern in seinem Bestände gefährdet wird.

1 Da die Zünfte, wie wir wissen, nur zum Teil aus Schutz- und Trutz-bedürfnissen des Handwerks entstehen, also in diesem Sinne Zweckverbändesind, so ist ihre Existenz auch möglich und sicher wirklich gewesen zu Zeiten,in denen vielleicht der Handwerker als Mensch des Anschlusses an seinesGleichen, aber noch nicht als Produzent der Hilfe und Unterstützung seinerGenossen bedurfte.