Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks.
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Aber während dieser ganzen Zeit bleibt doch der Bau liand-werksmäfsigen Gewerbewesens in seinen Grundfesten unerschüttert.Das gesamte Wirtschaftsleben behält sein handwerksmäfsiges Ge-präge. Auch die neuentstehenden Wirtschaftsformen, wie wir nochsehen werden, treten ursprünglich in handwerksmäfsigem Gewändeauf. Das macht, dafs während dieser ganzen langen Periode dochin weitem Umfange noch die Bedingungen handwerksmäfsiger Pro-duktion bestehen bleiben. Wie sehr das der Fall ist, werden wirerst ganz zu ermessen vermögen, wenn wir die Gesamtgestal-tung des Wirtschaftslebens am Ende dieser Epoche kennen; inDeutschland also etwa um die Mitte unseres Jahrhunderts. Erstvon da ab beginnt die dritte Periode in der Geschichte des Hand-werks: sein Abtritt von der geschichtlichen Bühne, auf der einevollständig neue Scenerie erscheint und ein vollständig neues Spielbeginnt: das Zeitalter mit vorwiegend kapitalistischem Geprägenimmt seinen Anfang und gestaltet rasch alle Lebensbedingungenum, so rasch, dafs uns im Jahre 1900 die Zeit um 1850 fernerliegt als unseren Vätern um die Mitte des 19. Jahrhunderts etwadie Zeit von 1350.
Wie sich schrittweise die Voraussetzungen kapitalistischer Wirt-schaftsführung erfüllen, ist die eigentliche Aufgabe der folgendenAusführungen. Ehe sie aber begonnen werden, mufs zur Ergänzungder bisherigen Darstellung noch diejenige Sphäre vorkapitalistischenWirtschaftslebens geschildert werden, die erst zusammen mit demHandwerk in der gewerblichen Produktionssphäre das Gesamtwesender „Wirtschaft als Handwerk“ ausmacht: die Sphäre des vor-kapitalistischen Handels. Dessen Schilderung ist aber um sonotwendiger, als gar zu häufig Handel und Handwerk in einenGegensatz zu einander gebracht werden, weil man sich gern jedenHandel als eine Erscheinungsform des Kapitalismus vorstellt 1 . Dem-gegenüber ist zu zeigen, dafs ebenso wie die gewerbliche Produktionauch der Handel lange Zeit ohne jeden Anflug von Kapitalismus be-standen hat: als ebenbürtiger und verträglicher Bruder des hand-werksmäfsigen Gewerbes. Der Darstellung dieses vorkapitalistischenHandels ist das folgende Kapitel gewidmet.
1 „Der Handel mufs seiner Natur nach kapitalistisch betrieben werden.“Rieh. Ehrenberg, Entstehung und Bedeutung grofser Vermögen, in derDeutschen Rundschau vom 15. April 1901. S. 123.
Sombart, Der moderne Kapitalismus. I.
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