Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel.
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historisch bestimmt während des ganzen europäischen Mittelaltersaufser in Italien , hier bis ins 14. Jahrhundert hinein, sich in ganzengem Rahmen bewegt und durchaus das Gepräge handwerks-mäfsiger Beschäftigung getragen hat. Es ist der Zweck der folgen-den Darstellung, dies zu erweisen. Wenn ich diesen vorkapita-listischen Handel als „Handwerk“ bezeichne, so geschieht es, umgleich von vornherein den Inhalt der Beweisführung in einem präg-nanten Schlagwort zusammenzufassen und das Verständnis für dieSache dadurch zu erleichtern, dafs ich im Leser bestimmte Associa-tionen wecke und ihm von Anfang an ganz prägnante Vorstellungs-reihen suggeriere.
B. Der Handel als Handwerk.
I. Der Geschäftsumfang.
Von entscheidender Bedeutung für ein richtiges Verständnisdes vorkapitalistischen Handels würde die genaue Kenntnis seinerGröfsenVerhältnisse, insonderheit der von einem Händler um-gesetzten Gütermengen oder Wertbeträge sein. Leider sind wirbis jetzt hierfür auf gelegentliche Mitteilungen der Quellen an-gewiesen und werden es wohl in aller Zukunft im wesentlichenbleiben. Immerhin ist das, was wir heute von dem Geschäftsumfangdes mittelalterlichen Handels wissen, genug, um uns eine ungefähreVorstellung von seiner quantitativen Bedeutung zu machen. Quellen-mäfsig verbürgte Ziffern verschiedenster Art verbunden mit einerallmählichen Entwicklung des statistischen Sinnes auch für dieZahlen des Handelsverkehrs beginnen allmählich — freilich viellangsamer als auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik! — mitden phantastischen Gröfsenvorstellungen aufzuräumen, wie sie etwadie Zifferangaben Mocenigos und Marino Sanutos für Venedig, Vil-lanis für Florenz in den Köpfen der Historiker erzeugt hatten, wiesie beispielsweise noch in der bekannten Abhandlung des General-postmeisters Stephan 1 eine Rolle spielen. Wir müssen uns gewöhnen,auch und gerade mit Bezug auf den Handel und Verkehr, Ziffernder Vergangenheit, deren Entstehungsart wir nicht ganz genaunachprüfen können, mit Argwohn zu betrachten. Es ist auffallend,dafs die Historiker von Fach, deren Akribie in Bezug auf littera-rische und urkundliche Überlieferung die höchste Ausbildung er-
1 Stephan, Das Verkehrsleben im Mittelalter, in Räumers HistorischemTaschenbuch. Vierte Folge, zehnter Jahrgang. 1869.