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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.

fahren hat, alles, was sie an statistischen Ziffern in den Quellen finden,häufig genug unkritisch mit einem naiven Dilettantismus verwenden.

Wer schriebe beispielsweise nicht unbesehens seinem Vorgänger nach,dafs der Warenumsatz im Fondaco dei Tedeschi in Venedig jähr-lich 1000 000 Dukaten betragen habe. Und doch ist mir nicht be-kannt, dafs irgend ein positiver Anhalt vorliegt, der uns geneigtmachen könnte, jene phantastische Ziffer eines blagierenden Bürger-meisters glaubhaft zu finden. r

Eine gleich verdächtige Ziffer sind die berühmten 100 000 StückTuch des Villani, die anno 1308 in Florenz fabriziert sein sollen,und die nochDoren alseinwandsfrei bezeichnet 1 . Man brauchtnun, um ihre Unglaubwürdigkeit zu erweisen, nur folgenden Kalkülanzustellen: Ende des 13. Jahrhunderts betrug die Gesamtausfuhran Wolle aus England nach Italien etwa 4000 Sack 2 3 . Nun rechnetman in damaliger Zeit auf einen Sack Wolle drei Stück Tücher 8 .

Der Gesamtbetrag der nach Italien gelangenden Wolle hätte alsoeine Ausbeute von 12000 Stück ergeben. Mochte nun Florenz auchnoch anderswoher seine Wolle beziehen: Hauptausfuhrland war dochEngland. Und jene Ausfuhrziffer bezieht sich ja nicht nur auf dienach Florenz, sondern die nach ganz Italien gelangende Wolle!

Dies nur exempli gratia. »

Um zu richtigen Vorstellungen von dem Geschäftsumfange einesHändlers in früherer Zeit zu gelangen, stehen uns zwei Wege offen:die Division von Gesamtumsätzen eines Platzes durch die Zahl deran ihnen beteiligten Kaufleute und der direkte Geschäftsausweisdes einzelnen Händlers bezw. die Feststellung des von dem einzelnengehandelten Güterquantums.

Ziffern über den Gesamtumsatz eines Platzes oder derüber eine Verkehrsstrafse bewegten Gütermengen sind naturgemäfsfür die frühere Zeit besonders selten. Immerhin stehen uns einigesehr lehrreiche und ganz zuverlässige Statistiken zu Gebote, vondenen die folgenden als Stichproben hier mitgeteilt werden mögen-

Zunächst die Beträge des Ausfuhrhandels der wichtigsten Hansa-städte im 14. Jahrhundert. Sie betrugen in dem letzten Jahre, für ^

das unser Gewährsmann 4 Ziffern mitteilt in:

1 Doren, Studien 1, 68.

3 Die Licenzen bezifferten sich (1277/78) auf 4235 Sack. K. Kunze , Hanse-akten aus England 12751412. Hans. Geschichtsquellen Bd. 6 (1891) S. 332

3 Doren, Studien 1, 54.

4 W. Stieda, Kevaler Zollbücher und -Quittungen des 14. Jahrhunderts.