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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.
Noch genauer kennen wir die Mengen der aus England wäh-rend des Mittelalters ausgeführten Wolle. Sie betrug beispiels-weise im Jahre 1277/78 14301 Sack, den Sack zu rund 2 dz ge-rechnet, also noch nicht ganz 30000 dz oder 3000 t; die von denhansischen Kaufleuten in diesem Jahre aus England exportierteWolle bezifferte sich dagegen auf 1655 Sack, rund 3300 dz oder330 t 1 , während im Jahre 1899 nach Deutschland 210667 t Wolleeingeführt wurden.
Nun gewinnen aber alle diese Ziffern für uns erst ein Inter-esse, wenn wir gleichzeitig die Zahl der Händler kennen, diejenen Umsatz bewirkt haben.
Die Zahl der Getreidehändler in Hamburg während des 16. Jahr-hunderts wird uns mit 6—12 angegeben, allerdings von einem Ge-währsmann, dessen Interesse eine Unterschätzung der Ziffer wahr-scheinlich macht. Immerhin lassen auch andere Angaben denSchluls zu, dafs ein „grofser“ Getreidehändler jener schon verhält-nismäfsig späten Periode nicht mehr als höchstens 400 Last Ge-treide umsetzte 2 .
An der Wollausfuhr aus England waren aber in dem an-gegebenen Jahre nicht weniger als 252 Händler beteiligt, so dafs aufjeden Händler ein Durchschnitt von 56 Sack oder etwa 110 dzWolle entfällt, während die Zahl der deutschen Händler 37 betrug,ihr Durchschnittsanteil sich also auf 45 Sack oder 90 dz be-zifferte.
Im allgemeinen dürfen wir annehmen, dafs ebenso klein wiedie Menge der insgesamt umgesetzten Waren im Mittelalter ge-
1 Hans. Geschichtsquellen 6 (1891),, 332. Die angeführten Zahlen be-treffen die erteilten Licenzen, stellen also das meist nicht erreichteMaximum der Ausfuhr dar.
2 Ein renommistischer Chronist schreibt gegen 1500 (Naude, 32), es gäbeBürger, die in einem Jahre wohl 400 Last Korn verschiffen. Das war alsoein Wunder. 1580 petitionieren die Stettiner Kaufleute: man möchte dochlieber, statt ihnen einen Eid aufzuerlegen, vorschreiben, wieviel Getreide —60 oder 100 Last — der Kaufmann, nach Gelegenheit der Zeit, als Maximumkaufen dürfe. Innerhalb des ganzen Jahres? es möchte fast unglaublich er-scheinen. Wenn aber 400 Last etwas Besonderes war, dann sind 100 Lastdurchschnittlich, als Ergebnis einer zwangsweisen Beschränkung, noch garnicht so wenig. In demselben Jahre (1580) klagen die Gildebrüder, „es seizum Erbarmen, dafs 6, 8, höchstens 11 oder 12 Personen den Getreideumsatzausschliefslich in Händen hätten“ (a. a. O. S. 73). Das war also schon einZustand, der als ungesund empfunden wurde, so dafs wir für die frühere Zeiteine viel gröfsere Anzahl Händler annehmen müssen.