Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. JßC)
wesen ist, ebenso enorm die Ziffer der daran beteiligten Händ-ler war.
Man hat diejenigen Historiker verspottet, welche „die zahllosenStädte von Köln und Augsburg bis Medebach und Radolfzell mitKaufleuten im modernen Sinne, also einem berufsmäfsig entwickeltenStand von Händlern bevölkert“ haben. Gewifs mit Recht, soweites sich um Übertragung des modernen Grofskaufmanns in die mittel-alterlichen Städte handelt. Mit Unrecht jedoch m. E., sofern nurdie Zahl der (allerdings durchaus handwerkerhaften) Händler inFrage kommt. Diese war gewifs exorbitant hoch. Es hat in derThat in den mittelalterlichen Städten, wenigstens soweit sie Handeltrieben, von Händlern und Handelshilfspersonen förmlich gewimmelt.Man mag sich in die Zustände Genuas oder Venedigs im 12. oder13. Jahrhundert, in die einer hanseatischen Stadt noch am Ausgangedes Mittelalters versenken: immer stöfst man auf denselben Haufenkleiner und mittlerer Händler, nach Art etwa unserer „Produkten-“oder Viehhändler in einem kleinen Kreisstädtchen der ProvinzPosen . Man ermesse doch, was das heifst: 252 Wollhändler sindbei der Ausfuhr von 30000 dz Wolle beteiligt! Man bedenke,dafs es zur Bewältigung des oben charakterisierten Getreidehandelsin Hamburg 48 beeidigter Kornmesser und 132 beeidigter Korn-träger bedurfte. Oder man vergegenwärtige sich das Gewimmel imFondaco dei Tedeschi in Venedig, der bis 1505 allein zu Wohn-zwecken 56 Gelasse enthielt, später 72 und 80, die immer besetztwaren, und in dem 30 Makler, 38 Ballenbinder, 40 Auktionatorenund eine Unmenge von Verwaltungspersonal ihr Wesen trieben 1 .Oder man denke an das Heer von arbeitsteilig organisierten Beamten,das unter dem prevot und den echevins in Paris steht, zur Be-sorgung der scharf voneinander abgegrenzten Handelshilfsgeschäfte.Oder man blättere die Chartae in den Historiae patriae Monumentadurch, um zu erstaunen, dafs fast alle Tage ein Commendavertragin dem Genua des 12. Jahrhunderts abgeschlossen wird über irgendein Handelsunternehmen kleinsten Kalibers.
Doch wird es sich für unsere Zwecke mehr empfehlen, stattuns auf diese Raisonnements allgemeiner Natur einzulassen 2 , uns
1 Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi 2 (1887), 10, 18 ff., 112.
2 Als ein Symptom geringen Umsatzes, das ebenfalls noch allgemeinerNatur ist, wäre auch das lange Verharren bei der effektiven Silberwährunganzuführen. Die ersten Goldmünzen werden in Deutschland 1325 geprägt.Schulte 1, 329); in England 1344. Th. Rymer, Foedera etc. 5, 403.