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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.

SeineGeschäftsführung, seinVerfahren ist, wie das seines ge-werblichen Kollegen, durchaus empirisch-traditionell.

Die Kunst des Schreibens und Lesens war in Italien bis in das 13. Jahrhundert hinein, im übrigen Europa das ganzeMittelalter hindurch sicherlich nur einem verschwindend kleinenBruchteil der Berufshändler vertraut. Wir wissen es gerade ausdem Venedig des 10. Jahrhunderts, dafs nur wenige Kaufleuteauch nur ihren Namen unterschreiben konnten 1 : aber sicherlichwird dieses Verhältnis der Schreib- und Lesensunkundigen zu denSchriftgelehrten auch in späteren Jahrhunderten des Mittelaltersunter den Händlern ein ähnliches geblieben sein, sich jedenfallsnur sehr allmählich verschoben haben. Sicher wissen wir dagegen,dafs die für den Kaufmann von Beruf fast noch wichtigereRechenkunst 2 während langer Jahrhunderte sich auf niedrigsterStufe bewegt hat und fast das ganze Mittelalter hindurch ohne dasHilfsmittel der Schrift sich hat behelfen müssen. Auch hier müssenwir zwischen Italien und dem übrigen Europa an die zweihundertJahre Abstand annehmen. Italien ist während des ganzen Spät-mittelalters Lehrmeisterin des Nordens in der ars computandi ge-wesen. Noch Lukas Rem geht im Beginne des 16. Jahrhundertsnach Venedig, um rechnen zu lernen 3 . Und um was für einRechnen handelte es sich noch! Um kaum mehr als um dieErlernung der vier Species im Rechnen mit ganzen Zahlen, umLösung einfacher Regeldetriaufgaben und ein elementaresGe-sellschaftsrechnen. Es war schon Zeichen hoher kaufmännischerSchulung, wenn jemand sogar richtig dividieren konnte. NochEnde des 16. Jahrhunderts thun sich Hieronymus Froben undAndreas Ryff etwas darauf zu gute, dafs sie bei Teilung denQuotienten richtig herausfinden 4 .

1 Von 69 Vertretern, die die Urkunde von 960 betreffend Verbot desHandels mit Sklaven unterzeichnen, schreiben nur 35 ihren Namen mit eignerHand; in der Urkunde von 971, betreffend Handel in Holz und Waffen mitSarazenen von 81 gar nur 18; bei den übrigen Namen stehtsignum manus.

Fontes rer. austr. 12, 22 ff, bezw. 28 ff. »

2 Siehe den Exkurs auf S. 191.

8 Von Rem selber in seinem Tagebuche (ed. Greiff, [1861], 5) erzählt,wie er nach Venedig kommt, um den Abacus, d. h. Rechnen, zu erlernen:dalernet ich rechnen in 5/2 monat gar aus. Andere Beispiele von Deutschen,die in Venedig das Rechnen lernten, bringt Simonsfeld, Fondaco 2 (1887),

39/40.

4 Gr ee ring, 212.