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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel.

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Das Rechnen selbst bewegte sich in den schwerfälligenFormen des Rechenbretts, der Rechenpfennige, und rnufste sichnoch (in Italien bis zum 13., im Norden bis zum 15. Jahrhundert)ohne Ziffern mit Stellenwert, ohne Null behelfen.

Dafs bei diesem Zustande der Rechenkunst von einer exaktenKalkulation keine Rede sein konnte, liegt auf der Hand. Auchwenn man mehr Wert als jene Zeit auf dies Moment gelegt hätte.In Wirklichkeit wollte man aber auch noch gar nichtexakt sein.Das ist eine specifiscli moderne Vorstellung, dafs Rechnungen not-wendigstimmen müssen. Alle frühere Zeit ging bei der Neu-heit ziffernmälsiger Wertung der Dinge und ziffernmäfsiger Aus-drucksweise immer nur auf eine ganz ungefähre Umschreibung derGröfsenverhältnisse hinaus. Jeder, der sich mit Rechnungen desMittelalters befafst hat, weifs, dafs bei Nachprüfungen der vonihnen aufgeführten Summe oft sehr abweichende Ziffern heraus-kommen. Fliichtigkeits- und Rechenfehler sind gang und gäbe bDer Wechsel von Ziffern im Ansatz einer Beispielrechnung, fastmöchte man sagen, die Regel 1 2 . Wir müssen uns eben die Schwierig-keiten für jene Menschen, Ziffern auch nur kurze Zeit im Kopfezu behalten, als ungeheuer grofse denken. Wie heute bei Kindern.

Aller dieser Mangel an exakt-rechnerischem Wollen undKönnen kommt nun aber in der Soi-disant-Buchführung desMittelalters zum deutlichsten Ausdruck. Wer die Aufzeichnungeneines Tölner, eines Viko von Geldersen, eines Wittenborg,eines Ott Ruland durchblättert, hat Mühe, sich vorzustellen, dafs dieSchreiber bedeutende Kaufleute ihrer Zeit gewesen sind. Denn ihreganze Rechnungsführung besteht in nichts anderem als einer ungeord-neten Notierung der Beträge ihrer Ein- und Verkäufe, wie sie heutejeder Krämer in der kleinen Provinzstadt vorzunehmen pflegt. Essind im wahren Sinne nurJournale,Memoriale, d. h. Notiz-bücher, die die Stellen der Knoten in den Taschentüchern vonBauern vertreten, die zu Markte in die Stadt ziehen. Obendreinnoch mit Ungenauigkeiten gespickt. Auch lax und liberal in derFesthaltung von Schuld- oder Forderungssummen.Item und ain

1 Vgl. z. B. C. Sattler, Handelsrechnungen des deutschen Ordens (1887),8, oder die Einleitung Koppmanns zu Tölners Handlungsbuch in den Ge-schichtsquellen der Stadt Eostock 1 (1885), XVIII f.

2 Dieser Vorwurf trifft selbst noch Pegolotti und Uzzano. In den vonmir an anderer Stelle mitgeteilten Spesenberechnungen, z. B. der für den Bezugenglischer Wollen, wird ganz kaltlächelnd gelegentlich mit einer anderenGrundziffer weitergerechnet als angefangen war.

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