Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel.
187
wohl gelegentlich vornehmer dünkte als mancher Handwerker, abernicht anders als der Angehörige einer beliebigen gewerblichen„höheren“ Zunft. Was den Kaufmann vom Handwerker unter-schied, waren nur immer erst Grad-, keine Wesensverschiedenheiten;er war oft ein „besserer“ Handwerker, wie der Goldschmied oderder Bäcker andernorts, aber er gehörte mit seinem Denken undEmpfinden den Kreisen der Handwerker an.
Wer daran noch zweifeln sollte, braucht nur die Statuten derKaufmannsgilden, die Ordnungen der „Höfe“ und „Kontore“ infremden Städten * 1 zu durchblättern. Dort wird er auf jeder Seiteeine Bestätigung für die Richtigkeit unserer Auffassung finden.Der Ideenkreis der Handwerkerzünfte ist fast ohne Veränderungin jene übertragen.
Vor allem begegnen wir in den Statuten der Händlerzunftüberall dem obersten Grundsätze handwerksmäfsiger Ordnung: dafsjedem Genossen, der in der Väter Weise seine Arbeit verrichtet,ein Auskommen gesichert, die „Nahrung“ garantiert sein solle 2 * * S. * * .Erkämpfung eines möglichst grofsen, gegen nachbarliche Ein-fälle gesicherten Futterplatzes; gleichmäfsige, geordnete Ver-teilung der einzelnen Futteranteile unter die Genossen, alsoAusschliefsung jeder Konkurrenz nach aufsen wie im Innern 8 : dasist das Fundamentum, auf dem auch aller vorkapitalistischer Handelruht. Und der Erreichung jenes Ziels, der Gewährleistung eineskonkurrenzlosen, der Veränderung durch individuelle Spekulationund Intrigue entrückten, ruhigen Dahinarbeitens sind dann im ein-zelnen alle Verbote und Gebote der Innungsstatuten gewidmet.Was wir bei den Handwerkerzünften fanden: hier kehrt es in
1 Eine anschauliche Schilderung von dem Leben des deutschen Kauf-manns in den fremden Ländern entwirft J. Falke, Gesch. d. deutsch. Handels
1, 200 ff.
2 Es ist kaum nötig, dafür Belege anzuführen, dafs die Idee der Nah-
rung auch die Ordnungen der Händlerzünfte beherrscht. Besonders lehrreich
sind die Verhältnisse der englischen Händlerzünfte, wie sie uns vonCharles Grofs geschildert werden. Zur allgemeinen Orientierung ist auchA. Doren, Kaufmannsgilden im Mittelalter geeignet. Vgl. daselbst u. a.
S. 60, 97, 147. W. Kiefselbach, Der Gang des Welthandels (1860), 206.
Für Frankreich insbesondere sind zu vergleichen: Levasseur, Fagniez,P i g e o n n e a u.
3 „Es galt hier die Konkurrenz der Konstanzer Verkäufer (sc. von Lein-
wand) unter einander aufzuheben und das Ansehen der Konstanzer Kaufmann-schaft zu stärken.“ Schulte I, 163.
\