Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel.
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I. Exkurs zu Kapitel 7.
Die Vorstufen des Handels.
1. Die Genesis des Tauschhandels selbst darzustellen, liegt aufser-halb des Rahmens dieser Untersuchungen, die ihren Ausgangspunkt von einerviel späteren Periode aus nehmen. Das interessante Problem ist in letzterZeit häufig der Gegenstand gelehrter und geistvoller Erörterungen gewesen.Grundlegend für die meisten späteren Arbeiten ist 0. Schräder, Linguis-tisch-historische Forschungen zur Handelsgeschichte und Warenkunde. 1886.Frappante Aufschlüsse hat dann die Hereinziehung des von den Reisen-den aus primitiven Kulturen beigebrachten Beobachtungsmaterials geliefert.Es ist urteilsvoll zusammengestellt in den Arbeiten von Jos. Kulischer,deren letzte in deutscher Sprache veröffentlichte (Zur Entwicklungsgeschichtedes Kapitalzinses, in den Jahrbüchern für N.Ö. III. F. Bd. XVIII, S. 305 ff.)die Ergebnisse der früheren Studien zusammenfafst. Äufserst wertvoll istauch der Beitrag von Sartorius von Waltershausen, Entstehung desTauschhandels in Polynesien in der Zeitschrift für Social- und Wirtschafts-geschichte Bd. IV S. 1 ff., weil er aus der Feder eines Nationalökonomenstammt. Dasselbe gilt von der letzten, gründlichen Bearbeitung des Gegen-standes durch M. Pantaleoni, L’origine del baratto : a proposito di unnuovo studio del Cognetti im Giornale degli Economisti. Ser. II». Vol.'XVIII.XIX. XX. (1899. 1900).
So sehr auch die Forscher in einzelnen Punkten voneinander ab weichen:darüber herrscht keine Meinungsverschiedenheit mehr, dafs es einer unendlichlangen Entwicklung bedurft hat, um das dem primitiven Menschen natürlicheMifstrauen gegen alles Tauschen überhaupt, zumal aber gegen das Tauschenmit Stammesfremden zu überwinden. Im europäischen Mittelalter ist diesesMifstrauen bei den neu in die Geschichte eintretenden Naturvölkern rascherbesiegt worden in dem Mafse, als sie mit höheren Kulturen plötzlich durch-setzt wurden. Es findet gleichwohl noch seinen Ausdruck in dem kunstvollenSysteme des Fremdenrechts, das nichts anderes als eine Summe von Schutz-mafsregeln der Genossen gegen gefürchtete Übergriffe der Stammes(Stadt-)-fremden darstellt.
2. (Urwüchsiger Güteraustausch.) „Es erhellt, dafs bei dem altenTauschhandel, von welchem wir überall ausgehen müssen, der Käufer zugleichVerkäufer und der Verkäufer zugleich Käufer ist.“ Schräder a. a. O. S. 63:„Zwischen Stämmen von verhältnismäfsig gleicher Kulturstufe pflegt . . derTauschverkehr in den alten bescheidenen Bahnen sich jahrtausendelang zu be-wegen und ein Umschwung erst dann einzutreten, wenn ein höher civilisiertesVolk die Erzeugnisse seiner Kultur zum Austausch anbietet.“ A. a. 0. S. 67.„Erst bei Hesiod (Werke und Tage, 606) kommt efinog in der abstrakten Bedeu-tung Handel vor. Eine Bezeichnung für diesen Begriff fehlt noch in der homeri-schen Sprache. Auch der Kaufmann hat bei Homer noch keine scharfe Bezeich-nung“, a. a. 0. S. 73. — Diese Thatsachen mufs man sich vor Augen halten, umindem Streit über die Bedeutung des Wortes „mercator“ in den mittel-alterlichen Urkunden sich ein richtiges Urteil bilden zu können. Aus der um-fangreichen Litteratur über diese Frage selbst sind namentlich zu ver-gleichen: Goldschmidt, 127 ff. (mit reichen Quellenbelegen), S. Rietschel,