Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel.
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non est admodum vituperandum“, möchte ich mit der Thatsache in Zusammen-hang bringen, dafs in Kom die gelegentlichen Handelsgeschäfte der Vor-nehmen gang und gäbe waren. Selbstverständlich handelte es sich in diesenFällen um eine mercatura copiosa. Unmöglich konnte nun aber der Makel,der dem berufsmäfsigen (Klein-)Iiändler anhaftete, auf die Grofsen des Staatsausgedehnt werden. Sie mufsten ebenso von dem onus der Profitmachereifreigesprochen werden, wie etwa heute ein ostelbischer Junker, der an derBörse spekuliert, naturgemäfs etwas anderes und vornehmeres ist als der be-rufsmäfsige Börsenspekulant. Daher also die geschickte Theorie des gewandtenCicero.
Im europäischen Mittelalter bildet es nicht minder, fast möchte ichsagen die Hegel, dafs alle bedeutenden Handelsoperationen von Nichtkaufleutenausgeführt wurden. Diejenigen Kategorien, die als Gelegenheitshändler vor-nehmlich in Betracht kommen, waren (und zwar im Süden genau so wie imNorden)
1. die Katsherren und Bürgermeister der Städte: der Doge von Venedignicht minder als der Ratsherr von Hamburg oder Lübeck (Vicko vonGeldersen! die Wittenborgs!);
2. die Geschlechter, insonderheit die reichen grundbesitzenden Familien;
3. die Stifte, Klöster, Orden, Geistlichen aller Grade.
Kurz alles, was im Mittelalter vermögend war. Da diese wichtige That-sache uns in einem anderen Zusammenhänge — unter anderem Gesichts-punkte — noch eingehend beschäftigen wird, so verzichte ich hier auf einenquellenmäfsigen Beleg und verweise den Leser auf die Darstellung im zwölftenKapitel.
II. Exkurs zu Kapitel 7.
Die Rechenkunst im Mittelalter.
Anfang des 15. Jahrhunderts treten in Deutschland die Modisten auf.„Auf allen diesen Schulen . . . kann der Rechenunterricht nicht elementargenug gedacht werden. Kaum irgendwo wird er das Rechnen mit ganzenZahlen überschritten haben.“ Unger, Methodik der praktischen Arithmethik(1888), 17/19. Ein deutliches Bild von dem Stande der Rechenkunst gebenuns die frühesten Rechenbücher oder Kompendien der Mathematik des euro-päischen Mittelalters. Was Leonardo Pisano, der übrigens ebenso wie Jor-danus seiner Zeit vorausgeeilt war, für Italien anfangs des 13. Jahrhundertsleistete, erreichen für Deutschland kaum die Rechenbücher aus dem Ende des15. Jahrhunderts. Wie tief selbst das Niveau der Klosterschulen war, zeigtuns beispielsweise das Rechenbuch Bernards vom Jahre 1445, das nichtsanderes als das alte gelehrte Rechnen, das wir in Europa bis auf Jordanuszurückverfolgen, lehren wollte. Und sogar auf den Universitäten finden wir„das Rechnen . . . auf keiner höheren Stufe als auf den vorbereitenden Schulen“.M. Cantor , Vorlesungen über Geschichte der Mathematik 2 (1892), 159T60.Von Grammateus erfahren wir, dafs der Algorithmus M. Georgii Beurbachii,der etwa dasjenige Mafs arithmetischen Wissens enthält, welches gegenwärtigzehnjährige Kinder besitzen, „gemacht sei für die Studenten der hohen schulzu Wien“. Unger 25.