Druckschrift 
1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
219
Einzelbild herunterladen
 

Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung ete.

219

den Händen einzelner Personen gröfsere Geldbeträge zu dauerndemBesitze anhäufen, die dann später u. s. w. Offenbar sind hier wiederumzwei Möglichkeiten gegeben: entweder diese Vermögen bilden sichim Rahmen der normalen wirtschaftlichen Thätigkeit, wie wir sieim vorhergehenden Buche kennen gelernt haben, oder sie verdankenihre Entstehungen aufserökonomischen Vorgängen.

Es ist bekannt, dafs für die herrschende Auffassung die Ent-stehung gröfserer Vermögen durch Accumulation vonHandels-profit als die selbstverständliche und normale Form der ursprüng-lichen Accumulation erscheint. Genua, Venedig, Augsburg, Lübeck, London, Brügge e tutte quantesind durch den Handel reich ge-worden : der in den Händen ihrer Kaufleute accumulierte Handels-profit bildet dann die Grundlage für die kapitalistische Industrie,die sich gegen Ausgang des Mittelalters in diesen Städten oder denvon ihnen abhängigen Landschaften entwickelt. Dieser Zusammen-hang aber erscheint so selbstverständlich, dafs man es meist garnicht der Mühe für wert hält, den Beweis dafür zu erbringen.Erachtet man aber eine Begründung doch für notwendig, so machtman sichs leicht. Entweder man begnügt sich mit dem post hocergo propter hoc, oder man eitiert die nichtssagenden Redensartenzeitgenössischer Schriftsteller, ohne nachzuprüfen, ob der Gewährs-mann wirklich den Dingen tiefer auf den Grund geschaut hat, alsman selbst, oder endlich, wenn man sehr gründlich verfahren zusollen glaubt, so macht man einige Hinweise auf die hohen Auf-schläge auf die Einkaufspreise der Waren, wie man sie als demmittelalterlichen Handel allgemeine Eigenschaft anzunehmen pflegt.

Ein so ernster Schriftsteller beispielsweise wie Henri Pirenne, widmet der inhaltsschweren Frage nach der Genesis des modernenReichtums in seinem Buche über die Geschichte Belgiens (1, 410/11)wahrhaftig nicht mehr als folgende Bemerkungen:

Schon sehr frühzeitig, jedenfalls seit Beginn des 12. Jahr-hunderts wufste sich das im Entstehen begriffene Bürgertum grofseVermögen zu beschaffen (!). Die Gesta pontificum cameracensiumberichten mit einer Menge ebenso malerischer (! ist wohl dieschlechte Übersetzung von pittoresque) wie lehrreicher Einzelheitendie Geschichte eines gewissen Werimbold, der in seiner Jugendgar nichts besafs, aber in wenigen Jahren bedeutende Schätze an-häufte (!!). Die Reichtümer, welche sich auf solche (?!) Weise inden Händen der Kaufleute ansammelten, ermöglichten es ihnen,sich in Grundbesitzer zu verwandeln. (!) Cest tout.

Dieser Art Beweisführungen, für die die Historiker von Fach