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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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220 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

den Kunstausdruckquellenmäfsige anzuwenden pflegen, vermochtenmich nicht zu befriedigen. Die Resultate, zu denen sie gelangten,standen im Widerspruch mit allen Vorstellungen, die ich vom Wesendes mittelalterlichen Handels hatte, ebenso wie mit dem, was ich annationalökonomischer Einsicht zu besitzen glaubte. Um meineZweifel zu beschwichtigen, wandte ich zunächst wieder meine be-währte Methode an: ich rechnete. Und der Erfolg blieb nicht aus.

Denn was sich aus einer Zusammenstellung und Verarbeitung des ^

ziffermäfsigen Quellenmaterials ergab, war in der That zuvörderstdie Einsicht, dafs eine Vermögensbildung grofsen Stils, wie sieallein den Anstofs zu einer kapitalistischen Neugestaltung des Wirt-schaftslebens geben konnte, im Rahmen des handwerksmäfsigenHandels oder einer anderen handwerksmäfsig geübten wirtschaft-lichen Thätigkeit mindestens sehr unwahrscheinlich ist. Genauergesprochen: dafs es an Wunder glauben liiefse, wollte man an-nehmen, dafs die reichen Leute, denen wir am Ausgang des Mittel-alters in den westeuropäischen Städten begegnen, durch die Aus-übung ihres handwerksmäfsigen Berufs aus der Schar von kleinenmercatores (Handelsleuten oder Marktbesuchern) hervorgegangenseien, mit denen wir dieselben Städte während der ersten Jahr-hunderte ihres Bestehens bevölkert finden. ^

Für dieses zunächst negative Ergebnis bin ich nun meinerseitsden Beweis schuldig, den ich wie folgt zu erbringen versuche:

1. Ich knüpfe an das Endchen von Beweis an, das die Ver-treter der herrschenden Auffassung beizubringen pflegen: den Hin- f

weis auf die hohen Preisaufschläge. Eine genaue Prüfungder Quellen ergiebt, dafs in der That die früheren Zeiten, insonder-heit das Mittelalter, vielfach mit sehr beträchtlichen Aufschlägengearbeitet haben. Freilich zeigt sich, dafs es sich dabei keineswegsum eine ausnahmslose Erscheinung handelt. Neben Verkaufs-preisen, die das Zehnfache der Einkaufspreise betragen, finden wirandere, die um nicht mehr als 5, 10, 20, 30% höher als diesesind, wie die Beispiele erkennen lassen, die ich in dem erstenExkurse zu diesem Kapitel zusammengestellt habe.

Das ökonomische Räsonnement nötigt uns aber doch wohl zudem Schlüsse, dafs der Fall hoher Preiszuschläge leicht die Regelgebildet haben kann. Denn die Verumständungen, die zu hohenPreisaufschlägen Veranlassung boten, müssen wir als dem Mittel-alter geläufige ansprechen. Der Leser findet die Begründung dieserAuffassung in dem zweiten Exkurse zu diesem Kapitel. Was istnun aber mit dieser Feststellung für die Beantwortung der Frage

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