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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc.

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sich übertriebene Vorstellungen von der Höhe der Gewinnraten imvorkapitalistischen Handel zu machen, die vielmehr, soweit ziffern-mäfsig genaue Angaben vorliegen, sehr häufig sich in den Grenzenjenes angeführten Schulbeispiels bewegten, wie das noch durch Bei-bringung weiteren Zahlenmaterials bewiesen werden mag *.

Wir dürfen aber auch nicht annehmen, dafs die Profitratenwesentlich höhere gewesen seien. Da diese bei gegebener Gewinn-rate bestimmt werden durch die Häufigkeit des Umschlags desGeschäftsvermögens in einem Jahre, so ist nicht einzusehen, wieeine erhebliche Steigerung der Profitratenhöhe über die Gewinnratenhätte erzielt werden können. Denn was wir von den Umschlags-zeiten des Geschäftsvermögens im mittelalterlichen Handel erfahren,läfst darauf schliefsen, dafs dieses höchstens zweimal im Jahre um-geschlagen worden ist 1 2 .

Mit diesen Erwägungen allgemeiner Art stimmen denn nunaber auch die gelegentlichen Angaben überein, die wir überHandelsprofitraten aus früherer Zeit besitzen. Neben ungeheurenSätzen eine grofse Menge mittlerer Beträge. Und das noch im16. Jahrhundert, sofern hier nicht schon die Profitraten durch diebegonnene Ausplünderung der neuerschlossenen Länder und Völkerin die Höhe getrieben worden waren. Im allgemeinen läfst sichauf Grund des freilich nicht übermäfsig reichen Quellenmaterialsdieses aussagen: dafs selbst grofse Geschäfte, die sich im wesent-lichen auf den euyopäischen Handel beschränkt zu haben scheinen,eine geradezu erstaunlich niedrige Profitrate aufweisen, dafs aberdort, wo wir auf anhaltend hohe Profitraten stofsen, diese entwederauf glückliche koloniale Unternehmungen oder auf Geldleihe im

1 Vgl. den Exkurs auf Seite 228 ff.

2 Das westliche flandrische Geschwader Venedigs fuhr regelmäfsig Neapel, Sicilien, Tripolis, Tunis, Algier, Oran, Tanger, Marokko, Spanien, Portugal, französische Küste, London, Brügge, Antwerpen an und nahm die Rückfahrtüber Cadiz und Barcelona. Diese Reise dauerte durchschnittlich ein Jahr.Stephan, 324 (ohne Quellenangabe). Auch im Verkehr mit der Levantescheint die einmalige Fahrt der italienischen Handelsflotte die Regel gewesenzu sein. Heyd 1, 453. Diese lange Umschlagsperiode ist hier, wo es sichja überwiegend um landwirtschaftliche Produkte handelte, durchaus wahr-scheinlich. Ein hansischer Kaufmann machte die Reise von Reval oder Riga über die Ostsee zweimal im Jahre. Stieda, Revaler Zollbücher, CXV1I.Weitere Angaben über Dauer der Reisen im Mittelalter (die ja über die Längeder Umschlagsperioden entscheiden) bei Götz, Verkehrswege (1888), 515 ff.Rogers 1, 134 ff. Über die langen Umschlagszeiten noch im 16. Jahrhundertund später vgl. das dreizehnte Kapitel.