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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
226
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22G Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

sich oder doch infolge der Zersplitterung des Gesamtprofits, denein gröfseres weil genossenschaftliches Handelsunternehmen abwarf,unter die Genossenschafter festzustellen, dafs auch bei hoher Profit-rate nur sehr niedrige Accumulationsraten und dementsprechendniedrige Accumulationsbeträge wohl geradezu als Regel anzunehmensind. Diese wird gewesen sein, dafs der Händler durch seineThätigkeit für sich und die Seinen den Unterhalt gewann, wie esnoch heute der kleine Krämer thut. Was ja auch seiner handwerker-haften Auffassung durchaus entsprach. Mochte er in günstigenFällen ein paar hundert Gulden auf die hohe Kante legen oder imStrumpf sich ansammeln lassen: der Gedanke, dafs die mittelalter-lichen Berufskaufleute in ihrer grofsen Mehrzahl durch ihre Handels-thätigkeit zu Reichtum gelangt wären, ist geradezu ungeheuerlich.

Mir hat das Rechenexempel bei Leonardo Pisano immer tiefenEindruck gemacht, weil es mir wie mit einem Blitzlicht die mittel-alterlichen Handelsverhältnisse zu erhellen schien. Es lautet inder Übersetzung (siehe das diesem Kapitel vorangestellte Motto)also: Ein Mann geht nach Lucca in Geschäften, die er mit 100 %

Gewinn abschliefst,fecit duplum, und giebt auf der Reise 12 d.aus. Darauf geht er nach Florenz , Handel zu treiben, und ver-dient abermals 100%, giebt auch wiederum 12 d. aus; endlich t

kehrt er nach Pisa zurück, aber nochmals mit Waren zum ver-handeln, aus deren Erlös er abermals 100% Profit erzielt; dieZehrung beträgt zum letztenmal 12 d. Und das geschäftliche Er-gebnis : es ist ihm gar nichts geblieben!

Gewifs wird es so schlimm nicht immer bestellt gewesen sein.

Aber wenn wir alle Umstände in Betracht ziehen, die den Handelalten Stils in handwerksmäfsigem Rahmen charakterisieren: Klein-heit der Umsätze, Länge der Reisen und des Aufenthalts in derFremde, so werden wir zu dem Ergebnis kommen müssen, dafs90 % aller Händler froh sein konnten, wenn sie aufser dem, wassie persönlich auf der Reise verbraucht hatten, noch genug nachHause brachten, um ihrer Familie den Unterhalt zu gewähren unddie Zinsen für ihr Häuschen an den Grundeigentümer zu zahlen.

Man vergegenwärtige sich doch einmal, was an Profitmengen beiden Handelstransaktionen der Händler selbst einer ganzen Stadtim Mittelalter herauskommen konnte! Man denke an den Ausfuhr-wert von Städten wie Lübeck , Reval u. a. in ihrer Blütezeit die

he had in Flanders. Hub. Hall, The antiquities and curiosities of the ex-chequer (1891), 25. Da haben wir den mittelalterlichen Wollhändler, dernebenbei auch Butter und Käse führt, leibhaftig vor uns stehen!