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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Neuntes Kapitel. Die Vermögensbilduug etc.

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Ziffern wurden bereits mitgeteilt, sie belaufen sich in Reval auf100150000 Mk. lüb. in den meisten Jahren, berechne daraufauch hohe Profitsätze, ziehe die Gewinne der paar grofsen Gelegen-heitshändler ab, verteile dann die so gewonnenen Profitmengenunter das wimmelnde Volk von Händlern und frage sich, was fin-den einzelnen zum Accumulieren übrig bleiben konnte.

Was hier vom Handel gesagt ist, gilt von allen anderenZweigen vorkapitalistischer Wirtschaft in entsprechen-der Weise, also vor allem auch von dem gewerblichen Handwerk.An dieses denkt man merkwürdiger Weise fast gar nicht, wennman die Ursachen der Vermögensbildung im Mittelalter untersucht.Und doch läfst sich eine Emporhebung über das Niveau der ur-sprünglichen Armut im Gewerbe vielleicht noch eher denken als beimHandel. Sicherlich werden denn auch durch das Zusammentreffeneiner Reihe günstiger Umstände Vermögensbildungen im Handwerkals möglich anzusetzen sein. Nur möchte ich auch hier vor Über-schätzung warnen. Was wir uns aus der Sphäre des Handwerksan Kapitalbesitzern emportauchend denken müssen, sind vielleichtneben ein paar Sonntagskindern eine Menge mittlerer Existenzen,eine Anzahl kleinkapitalistischer Unternehmer, wie ich sie nenne:die glücklicheren Männer, die bei demDifferenzierungsprozefs,den das Handwerk in seiner Weiterentwicklung erfährt, auf dieSonnenseite geraten sind.

Aber es hiefse nun aller geschichtlichen Wahrheit und allerökonomischen Ratio Hohn sprechen, wollte man annehmen, dafs dieBildung von Geldvermögen, wie sie den Ausgangspunkt der mo-dernen kapitalistischen Entwicklung bildet, ausschliefslich oder auchnur vorwiegend in der Sphäre des gütererzeugenden oder güter-vertreibenden Handwerks erfolgt wäre. Jene Reichtümer, die wirschon im Hochmittelalter in den italienischen oder niederländischenStädten, beim Ausgange des Mittelalters auch in Frankreich, Deutschland, England in Handel und Verkehr und teilweise schonin der Produktion investiert finden, sie können, das ist das Er-gebnis unserer Überlegung, unmöglich aus denSparpfennigenkleiner Handwerker entstanden sein. Wollte man mir aber entgegen-halten, dafs doch erwiesenermafsen die reichen Leute des späterenMittelaltersKaufleute waren und sich offenbar durch Handel be-reichert haben, so würde ich erwidern, dafs ich natürlich nicht soblödsinnig bin, eine Bereicherung durch Handel und starke Accu-mulation von Handelsprofit auch im Mittelalter zu leugnen. Wasich behaupte, ist vielmehr nur dies: dafs jene reichen Handelsherrn

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