Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc.
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konnte, nun thatsächlich die Waren mit oft enormen Aufschlägen zu handeln.Die Erklärung auch für diese jedem Nationalökonomen auffallende Thatsacheliegt ebenfalls in der ökonomischen Natur der Verkäufer und Käufer. Diehohen Aufschläge sind nur denkbar im soi-disant-Handel mit auszuplünderndenVölkerschaften (siehe Kolonialwirtschaft) oder mit „reichen“ Leuten, d. h.solchen, die nicht von ihrer Hände Arbeit leben. Als solche kommen aberim Mittelalter vornehmlich Landrentenbezieher in Betracht, und nur wenn wirdie präponderante Bedeutung dieser Kategorie von Verkäufern und nament-lich Käufern in Betracht ziehen, vermögen wir uns innerhalb der Kultur-länder überhaupt die Existenz des mittelalterlichen Handels verständlich zumachen.
Bei den Landrentenbeziehern konnte man besonders billig ein kaufen.Die englischen Klöster beispielsweise, von denen die florentiner und hansea-tischen Händler die Wolle bezogen 1 , waren in der Preisgestaltung an garkeine feste Untergrenze gebunden, wie es jeder selbständige Produzent not-wendig ist. Sie verkauften ja unentgeltlich (d. h. von ihren Hörigen) ge-lieferte Wolle, ein Erzeugnis also, das sie überhaupt nichts kostete, und dassie mit Freuden hingaben, wenn sie dafür auch nur einen verhältnismäfsiggeringen Geldbetrag erhielten. Will man durchaus die in einem Produktverkörperte Arbeit als den „Wert“ dieser Ware ansehen, so würden wirsagen: die genannten Rentenberechtigten konnten unausgesetzt, ohne eineSchädigung zu erfahren, die in ihre Verfügungsgewalt kommende Ware unterihrem Werte verkaufen. Anders gewandt: was die Käufer dieser Waren aufden Einkaufspreis zuschlugen, waren bis zu einem gewissen Betrage Arbeits-erträge rentenverpflichteter Höriger.
Diese Thatsache , dafs der mittelalterliche Handel zumal in seiner früherenZeit zum grofsen Teile Handel mit Landrentenbeziehern war, gewinnt nunaber ihre volle Bedeutung erst, wenn wir sie auch und gerade für den Ver-kauf namentlich der kostbaren Gegenstände beziehen. Es ist wohl nichtzuviel gesagt, wenn man behauptet, dafs drei Viertel aller Kolonialprodukteund aller gewerblichen Erzeugnisse, die von dem vorkapitalistischen Handelabgesetzt wurden, als Abnehmer Rentenbezieher hatten: nämlich Fürsten, Ritter, Kirchen, Klöster, Stifte.
Eine Statistik der Käufer mit Angabe ihrer socialen Stellung existiertnatürlich nicht. Was wir aber aus den gelegentlichen Mitteilungen nament-lich der Handlungsbücher, dieser fast einzig zuverlässigen und brauchbaren
1 In dem Geschäftsberichte des Reisenden Gherardi der Florentiner FirmaSpigliati-Spini aus dem Jahre 1284 werden 24 Klöster in England erwähnt,die auf 4—11 Jahre hinaus ihre Wollen dem genannten Hause verkaufthaben. Deila decima 3, 324 f. In einem Merkbüchlein des Bald. Pegolottiaus dem 14. Jahrhundert sind etwa 200 Namen von englischen Stiftern undKlöstern aufgeführt, die den Florentiner Händlern Wolle lieferten. Das Ver-zeichnis (2441 Ms. der Riceardiana) mitgeteilt bei S. L. Peruzzi, Storia delcommercio, e dei banchieri di Firenze dal 1200 al 1345(1868), 71 ff. Das Ver-zeichnis Peruzzis ist ausführlicher als das bei Varenbergli, Hist, des relat.diplom. etc. (1874), 214—217, das dem Arch. de Douay Reg. L. fol. 44 ent-nommen ist; soll aber fehlerhaft sein nach den Feststellungen der MifsE. Dixon. Vgl. Transactions of the Royal Hist. Soc. 12, 151.