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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 255

sonst die Einkassierer der Reinbeträge für die grofsen Grundherrenheifsen mochten, sie waren es, nach denen die Handelshäuser mitVorliebe strebten. Die über Europa verbreitetenLombarden sindes auch hier wieder, denen wir am häutigsten begegnen. Als Ent-gelt für solcherart Dienstleistungen pflegten die Rentenberechtigtenihre Funktionäre nicht nur in reichem Mafse an ihren Einkünftenteilnehmen zu lassen: sie übergaben ihnen auch häufig Besitzungenzu Eigentum 1 .

Aber noch mehr wie bei den öffentlichen Gewalten finden wirdoch hier im privaten Geschäftsverkehr als Regel, Anspruch auffremde Vermögensteile zu gewinnen, die Gewährung von Dar-lehen. Es ist die bedeutsame historische Mission der Geldleihe oder,geradezu gesprochen, des Wuchers gewesen, das moderne kapitali-stische Wirtschaftsleben dadurch vorzubereiten, dafs durch seine Ver-mittlung in grofsem Umfange feudaler Reichtum in bürgerlichen trans-formiert worden ist. Ich möchte aber mit Nachdruck betonen, dafs alleGeldleihe während des Mittelalters, die nicht in einer Bewucherungder Grundbesitzer, insonderheit der rentenberechtigten Grofsgrund-besitzer bestand, für die Kapitalaccumulation ebensowenig in Betrachtkommt, wie der berufs- und handwerksmäfsig ausgeübte Waren-handel. Ganz gewifs hat es in grofsem Umfange Winkelwucherergegeben, die von der Ausbeutung kleiner Leute, der dienendenKlasse oder der Handwerker lebten 2 . Aber wer durch Wucherreich werden wollte, der mufste bis zu dem Grundbesitzer, ja biszum Grofsgrundbesitzer durchdringen. Es ist dieselbe Sache wieheute: der kleine Geldgeber, der an Gewerbtreibende, Bauern,Unterbeamte, Arbeiter u. dergl. Leute mit noch so hohen Zinsen

1 In Frankreich les banquiers se chargeaient aussi d'operer la recettedes grandes proprietes seigneuriales; ils faisaient, en quelque Sorte, fonctionde regisseurs ou dintendants. Tel est en ce genre ä la fin du XIV. sc.Digne ltapponde, Lombard en vogue, qui a des comptoirs ä Paris et ;i Bruges.11 est lhomme daffaires du duc de Bourgogne, du comte de Flandres,dYolande de Cassel, du sire de la Tremo'ille et sans nul doute de Cents autres.Des domaines sont donnüs aux Lombards par de puissants princes, ,en re-connaissance de leurs bons Services. 1 DAvenel, Hist. 6con. 1, 109/110.Vgl. auch Marx, Kapital l 4 , 709/710. Dieselbe Erscheinung in anderenLändern. In den Jahren 14031411 ist ein Oddoninus Asinerii DomicellusGläubiger und Kastellan des Grafen von Greyerz in den Herrschaften Aubonne und Coppet . J. F. Amiet, Die französischen und lombardischen Geld Wuchererdes Mittelalters namentlich in der Schweiz im Jahrbuch für Schweiz . Gesell.2, 251 ff.

2 Siehe den Exkurs auf S. 271.