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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Yermögensübertragung. 2()9

nur in unendlich langsamem Schneckengange zu gröfseren Summenanhäufen. Man darf auch hier ebenso wenig wie früher ein-wenden, dafs die gröfserenKapitalien durch Ansammlung vielerkleiner Beträge gebildet worden seien. Das war, wie ich sehr wohlweifs, häufig der Fall 1 . Aber der Einwand vermag mein Argu-mentum nicht zu entkräften, da ja die auf den einzelnen Teil-nehmer entfallende Gewinnquote und somit die zur Accumulationfreien Teile des Profits gleich niedrige bleiben wie beim kleinenEinzelgeschäft.

Die Regel wird vielmehr auch bei all den Transaktionen, diewir in diesem Kapitel überblickt haben, die gewesen sein: dafs zuwirklichem Reichtum nur die Wohlhabenden zu gelangen ver-mochten.Wer da hat, dem wird gegeben gilt für die Anfängeder Reichtumsbildung noch viel mehr als für die spätere Zeit. Mirschwebt so deutlich vor Augen, wie die ersten Grundherren, dieersten Bischöfe, die in Geldnöten waren, zu dem Manne in derStadt gingen, oder ihn von ihrem Bailiff besuchen liefsen, von demman wufste oder vermutete, dafs er eine wohlgefüllte Geldkatze beisich in der Truhe verschlossen hielt. Und wie es dann bald sichherumsprach, dafs an der und der Stelle Geld zu haben sei, undwie nun der Isaac oder der Aaron die faishionable Kundschaft derganzen Umgegend immer mehr an sich zu ziehen wufste, währenddie Knechte und Mägde, die Schneider und die Seifensieder denkleinen Would-be-Kapitalisteu auf dem Halse blieben. Warum solltees denn anders wie heute zugegangen sein?

1 So finden wir im 13. Jahrhundert an einem Darlehn von 1000 lb. tur.,das der Graf von Forez aufnimmt, 12 toskanische Geldgeber beteiligt, aneinem solchen des Herrn von Conci in Höhe von 3500 lb. 8, an einem desHerrn Gaucher von Chätillon (3750 lb.) 8, an einem des Herrn von Beaumont(1500 lb.) 8. Schaube, Die Wechselbriefe Ludwigs des Heiligen in denJahrbüchern für N.-Ö. 15, 733/34. 1368 nahm der Frankfurter Rat ein Wechsel-darlehn von 10000 Gulden bei 4 Juden auf. Kriegk, Frankfurter Zustände(1862), 546 Note 208. Ähnliche Partialdarlehen in Flandern. G. Des Marez,La lettre de foire a Ypres au XIII. sc., 165 f. Oder aber wir bemerken, wiesich bestimmte Associationsformen herausbilden, die den Zweck haben, gröfsereSummen durch Anteilnahme vieler kleinerer Geldbesitzer an dem Geschäfteaufzubringen. So verschafften sich beispielsweise die Steuerpächter in denitalienischen Kommunen die für die Pachtübernahme erforderliche Summehäufig durch vorherige Ausgabe von Anteilscheinen, ideellen Quoten, sog.portiones an dem Pfandobjekte. Die Käufer der portiones hiefsen portionarii,partionarii und participes, ihr Verhältnis zum Unternehmer partecipatio. Die-selben Erscheinungen finden sich auch bei der Pachtung eines Bergwerksu. dergl. Lästig, Beiträge zur Geschichte des Handelsrechts in der Zeit-schrift für das gesamte Handelsrecht 24, 425.