Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermügensübertvagung. 271
sie sich grofse Vermögen erwarben? Das ist also wieder die Fragenach den Anfängen des bürgerlichen Reichtums in denStädten des Mittelalters, deren Beantwortung wir nun endlicherhoffen. Nicht Handel, nicht Geldleihe, nicht Steuerpacht, nichtMünzerei ist die Quelle. Was also dann? Ich kann mir denken,dafs jemand, der sich die Möglichheit einer Genesis des Kapitalsüberlegt, nunmehr auf den Gedanken käme: es sei die durch un-r mittelbare Aneignung gewonnene Geldware, die erschürfte Edel-
metallmasse, aus der die ursprünglichen Vermögensfonds gebildetseien. Diese Hypothese soll das nächste Kapitel untersuchen.
Exkurs zu Kapitel IO.
Über Kleinkredit im Mittelalter.
Es scheinen besonders häufig die Juden und die Kawerschen gewesenzu sein, die den Kleinwucher betrieben. Als im Jahre 1385 die Juden-schulden von der Stadt Nürnberg eingezogen wurden, waren darunterneben Darlehen an geistliche und weltliche Grafen, Herren und Ritterauch solche an Knechte, Mägde, Frauen etc. Die Höhe der Schuldsummenläfst auf grofse Zersplitterung schliefsen. Zehn Juden hatten je über1000 fl., achtzehn dagegen je 1000 fl. und darunter ausstehen. Chronik deutsch.Städte 1, 120—123. Von Kawerschen weifs Schulte (1, 316 f.) zu be-richten, dafs „das Darlehn auf oder ohne Pfand, das kleinen Leuten gewährtwurde, der Mittelpunkt des Geschäftslebens“ war. Aus einem Freiburger Notariatsregister sind uns 119 Posten bekannt (1356—59), der höchste Betrageiner Schuld ist 133 fl. und daneben 144 £5, der niedrigste 36 ß, die meistenliegen dieser unteren Grenze näher. Amiet a. a. O. 2, 226—240. In einemBüchlein, das ein Inventar der casana, welche die Turclii in Sembrancher amGrofsen S. Bernhard hielten, sind 719 Posten aufgeführt, von 2 sol. an bis101 ii, der Durclinittsbetrag eines Darlehns war nur 2 & 11 ß 8 0).. Unterden Schuldnern sind Frauen, Gemeinden, Pfarrer. Quintino Sella , Delcodice d’Asti detto de Malabayla. Atti della R. Acc. dei Lincei 1875'76.Ser. II. Vol. 4. p. 254 f. „Das ist ein Rauben und Schinden des armenMannes durch die Juden“, klagt im Jahre 1487 Schenk Erasmus zu Erbach,„dafs es gar nit mer zu liden ist und Gott erbarm. Die Juden Wucherersetzen sich fest bis in die kleinsten Dorffen und wenn sie fünf Guldenborgen, nemen sie sechsfach Pfand und nemen Zinsen von Zinsen und vondiesen wiederum Zinsen, das der arme Mann kommt um alles, was er hat.“Aus Bodmanns Nachlafs mitgeteilt von Böhmer (Ms.) bei Janssen 1, 458/59.
Über Kleinwucher in Frankreich vgl. D’Avenel 1, 80 f. Wir be-gegnen der „pauvre serve“, die ein Darlehn von 25 sous gegen Verpfändungihres besten Rockes aufnimmt. Sie zahlt 47°,'o. D’Avenel fügt aber hinzu:„c’est le taux le plus eleve que j’ai remarque.“ Er nimmt einen Durchschnittder (Klein-?) Wucherzinsen in Frankreich während des Mittelalters, von20—25 °/o, näher au 20 als an 25 an.