272 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
Ein besonders anschauliches Bild von der Gestaltung des Kleinwuchersim Mittelalter gewährt eine neuere Veröffentlichung von L. Zdekauer,L’interno d’un banco di pegno nel 1417 im Arch. stör. ital. V. ser. t. XVII(1896) p. 63 ff. Es handelt sich um Bruchstücke des Geschäftsbuches eines(christlichen) Wucherers mit beträchtlicher Kleinkundschaft in Pistoja. Dieerhaltenen Eintragungen sind zahlreich genug, um uns einen deutlichen Ein-blick in den Gang des Geschäftes zu gestatten. Wir finden unter den Kundenden Zimmermann oder Tischler, der seine Säge, den Gerber, der seine Felle,den Weber, der seine Leinwand, den Schmied, der seinen Hammer versetzt,kurz „il popolino“ aus Stadt und Land. Oft handelt es sich um ganz kurz-fristige Dal’lelm auf 2—3 Tage, oft um Not-, oft aber auch um Karnevals-oder Lottoschulden ins Mittelalterliche übersetzt. Manchen Habitue treffenwir unter den Kunden, der im Laufe eines Monats mehrere Male vorspricht,Leute von der Sorte, die dann die Pfandscheine ihren wohlhabenden Gönnerneinzuschicken pflegen, um sie für milde Gaben weich zu stimmen. Kurz, esgewinnt den Anschein, als sei es in dem dunkeln Gewölbe unseres PistojeserFreundes anno 1417 nicht viel anders zugegangen, als heutzutage in einemPfandhause, wo „kleine Leute“ verkehren. Und dafs bei solchem Geschäfteim Mittelalter noch weniger Seide zu spinnen war als heute, dafür ist unserDokument der beste Beweis. Der gelehrte Herausgeber meint, es sei ein„grofses“ Leihhaus gewesen, von dessen Büchern jener Best uns erhalten ge-blieben ist. Mag sein. Ich weifs nicht, ob die Gewährung von 26 Darlehen aneinem Tage (in max.) für Pistoja im Jahre 1417 viel war. Heute wird ein Leih-geschäft, das gut geht, in einer Grofsstadt doch wohl zehnmal soviel Darlehentäglich ausgeben. Aber was in die Augen springt, ist die Kümmerlichkeit derGewinnchancen für den Mann aus Pistoja trotz seiner 26 Darlehen pro Tag.Denn die Höhe der ausgeliehenen Summen ist sehr gering: Beträge übereine Libra (= ca. i k fl.) sind sehr selten, solche von 16, 10, 8, 4 soldi bildendie Regel und die Kurzfristigkeit auch. Man kann mit diesen gegebenenGröfsen leicht folgendes Rechenexempel anstellen. Nehmen wir einen Durch-schnitt von 20 Darlehnen pro Tag an, jedes in der Höhe von 1 lb. (was nachden überlieferten Fällen sicher eher zu hoch angesetzt ist), so würde unserFreund ausstchen haben: bei einer Durchschnittsdauer des Darlehns von15 Tagen 300 lb., von 1 Monat 600 lb. Sein Gewinn würde also im erstenFalle pro Jahr bei 20% Zinsen 60 lb., bei 40% 120 lb., in letzterem Fallebezw. 120 und 240 lb. betragen!
Wenn wir gelegentlich aber von Männern, die Kleinwucher betrieben,hören, dafs sie zu Reichtum gelangen, so müssen wir immer erst prüfen, obsie sich nicht etwa hauptsächlich doch durch die Grofsen bereicherten. Dasgilt z. B. von den oben erwähnten Turchi, die Kleinwucher offenbar nur ganznebenbei trieben. Während nämlich das uns überlieferte Inventar der Filialeim ganzen einen Ausstand an Forderungen von 2037 1. 19 s. 3 d. aufweist,erfahren wir aus derselben Quelle, dafs an einzelne Grundherren von denTurchi Beträge von 600 1., 900, 2400 fior. d’oro, an den Grafen von Savoyenaber (1361) 18625 fl. ausgeliehen werden. 1. c. p. 256. Dunque!