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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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284
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284 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

frühen Mittelalters mit ihren Packen durch die Lande ziehen sehen?

War der Gegensatz zwischen Reichen und Armen das Ergebniseines Differenzierungsprozesses ursprünglich homogener Elemente,d. h. also einer Masse handwerksmälsiger Händler? Man könntees denken, obwohl die Erwägungen allgemeiner Natur, die wir imneunten Kapitel angestellt haben, diese Annahme sehr gewagt er-scheinen liefsen. Eine genauere Prüfung ergiebt aber, dafs sichjene (für den Theoretiker kaum statthafte) Annahme für den *

Historiker als völlig unzulässig erweist. Was nämlich das Studiummittelalterlichen Wirtschaftslebens uns mit zwingender Notwendig-keit aufnötigt, ist die Feststellung: dafs jene handwerksmäfsigenHändler, die in der früheren Zeit allein da sind, aber natürlichauch in späterer Zeit nicht verschwinden, so gut wie gar keineBeziehungen zu dem reichen Kaufmannsstande haben, den wir amEnde des Mittelalters in den grofsen Städten antreffen; dafs eskeine Brücke zwischen jenen beiden Gruppen giebt, ja nach derganzen Struktur der mittelalterlichen Gesellschaft nicht gebenkonnte.

Um dieses zu erweisen, müssen wir uns noch einmal diemajores, die nobili und poorters etwas genauer betrachten, zudenen, wie wir sahen, so gut wie alles gehörte, was in den Städten ^

reich war. Wir nehmen alsdann nämlich wahr, dafs jene Geld-aristokratie sich im wesentlichen deckte mit dem, was man (miteinem modernen Ausdrucke) Geburtsaristokratie nennen kann.

Die Elemente, aus denen sich dienouveaux riches bildeten, waren:

1. Landadel, der sich in den Städten freiwillig oder zwangs-weise niederliefs;

2. städtisches Patriciat,Stadtadel im engeren Sinne.

Für das thatsächliche Zusammenfallen von Geburts- und Geld-aristokratie während des Mittelalters versuche ich unten, soweit esangängig ist, denstatistischen Beweis zu erbringen. Hier inter-essiert uns einstweilen nur die Frage: aus welchen Elementen sichdenn das städtische Patriciat gebildet habe.

Wie bekannt, herrscht über diese Frage üblicherweise er-bitterter Streit unter den Historikern, die selbstverständlich nur *

Verfassungs -Historiker sein wollen. Glücklicherweise brauchenwir hier auf jene Streitereien nicht näher einzugehen. Denn esdürfte wohl auf allen Seiten darüber Einigkeit herrschen, mag manim übrigen gemeinfreie Markgenossen oder Ministerialen odersonst etwas als die Ahnen der städtischen Geslachten ansehen, dafs