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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 293

gerade die reichsten ?) wollten ihre vermehrten Einkünfte nicht völligverzehren. Sie legten sie zurück und zwar der Zeit entsprechend zunächst wieder in der Form von Grundbesitz aufserhalb derStadt oder im Ankauf von Renten in der Stadt: es kommt dieZeit, die jeder Wirtschaftshistoriker sehr wohl kennt, in der dieGeschlechter in wachsendem Umfange sich in der Umgegend derStadt ankaufen, in der wohl jeder wohlhabende Mann wie Vickovon Geldersen sein Rentenbuch hatte. Nun aber mufste es sichergeben, dafs diese Art der Verwertung des Geldes schliefslichimmer wieder dessen Betrag vergröfsern half. Es stellt sich eineArt von Geldplethora ein, und der Gedanke, es in anderer Weisenutzbringend anzulegen, mufste langsam Wurzel schlagen, in demMafse, wie der Spiritus capitalisticus sich zu entfalten begann,worüber noch zu handeln sein wird. Jetzt kommt die Zeit, da ge-legentlich Beträge vielleicht noch erst unentgeltlich der bedürfendenStadtgemeinde, bald aber auch gegen Entgelt vornehmen Herrenleihweise überlassen werden. Es kommt die Zeit, da man einemFaktor Summen anvertraut, mit denen er auswärts Handelsgeschäftebetreiben soll: also die Zeit des Gelegenheitshandels der Ge-schlechter. Dafs deren Bethätigung im Handel ursprünglich nieeine andere gewesen ist, als eine gelegentliche, sollte man endlicheinsehen. Es handelt sich zunächst immer um temporäre Handels-unternehmungen, um Kompagniegeschäfte auf 3 bis 6 Jahre. Diewohlhäbigen Bürger bleiben in den Anfängen meist selbst in derVaterstadt, wo sie sich den öffentlichen Interessen und der Ver-waltung ihrer liegenden Güter widmeten 1 . Nur als solchen Ge-legenheitshändler wird man einen venetianischen Nobile oder einenWittenborg oder Geldersen richtig verstehen. Hat man sich wohleinmal die Mühe genommen, die Anzahl Warenposten zu zählen,die in demHandlungsbuche eines solchen Ratsherrn verzeichnetsind? Man kommt zu erstaunlichen Resultaten: in einem Jahresind nicht mehr als 2030 Einträge gemacht. Man denke: alle14 Tage einer. Was hätte der arme Mann mit seiner Zeit anfangensollen, wenn er wirklich, wie man wohl gelegentlich annimmt, ein Berufs-kaufmann gewesen wäre? Dann natürlich wächst sich im Laufeder Zeit bei einzelnen Familien diese sporadische, intermittierendeThätigkeit als Bankier oder Händler zu einem Berufe aus. Wasnun aber die eigentliche Bestätigung für die Richtigkeit der hierentwickelten Auffassung enthält, ist die Wahrnehmung, dafs an

1 Vgl. Bücher, Bevölkerung, 246/47.