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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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294
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294 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

allen Orten Waren- und Geldverkehr mit dem Augenblicke au-fangen, gröfsere Dimensionen, einen gröfseren Stil anzunehmen (indem sie dann erst, wie gezeigt wurde, lukrativ werden), in denenjene gröfseren Summen der reichen Geschlechter ihnen Zuströmen.Wir können diesen Zeitpunkt für einzelne Städte genau datieren:in Nürnberg beginnen um das Jahr 1300 1 , in Augsburg nicht vor1368 1 2 die Geschlechter Handel zu treiben; in England vollziehtsich der Umschwung ebenfalls im Laufe des 14. Jahrhundertsgleichzeitig mit der stärkeren Anteilnahme der gentry am städti-schen Leben 3 , während der Vorsprung Italiens und Flandern-Brabants vor den übrigen Ländern auf nichts anderem beruht, alsauf dem Umstande, dafs hier ein paar Jahrhunderte früher dasstädtische Patriciat in die Niederungen des Wirtschaftslebens hinab-steigt und ebenfalls so viel früher der Landadel in die Städte ziehtund hier so viel radikaler im bürgerlichen Leben absorbiert wird.Mit dieser letzten Bemerkung habe ich aber einen Gedanken ge-äufsert, der einer näheren Ausführung bedarf.

Wenn die hier vertretene Auffassung in der That den wirk-lichen Zusammenhang der Erscheinungen richtig widerspiegelt, soergiebt sich für die Beurteilung des Entwicklungsganges, den dieeinzelnen Städte und Landschaften während des Mittelalters ge-nommen haben, offenbar dieses: dafs die Chancen einer Stadt, zuReichtum und Macht zu gelangen (soweit dazu die in den Händenihrer wohlhabenden Bürger angesammelten Vermögen das ihrigebeizutragen vermochten) bedingt waren durch die Höhe der Grund-rentenbeträge, die von der herrschenden (weil grundbesitzenden) Klasseperzipiert, monetarisiert und accumuliert wurden. Die hierdurchgeschaffenen Vermögensbeträge stellten gleichsam die Höhe derQuote fest, mit der eine Stadt an der Liquidation des mittelalter-lichen Reichtums (Kap. 10), an der unmittelbaren Aneignung derEdelmetalle (Kap. 11), sowie an gewinnbringenden Handels- undKolonialunternehmungen (Kap. 13) Anteil zu nehmen vermochte.

Fragen wir nun aber, welche Umstände die Höhe dieses An-teils (man könnte ihn auch mit dem Betrage vergleichen, den eineStadt von dem Aktienkapital zu zeichnen vermochte, mit dem diemoderne kapitalistische Wirtschaft gegründet wurde), welcheMomente, sage ich, die Höhe dieses ursprünglichen Vermögens-

1 Roth, Gesch. des Nürnberger Handels 1, 22.

3 Stetten, Gesch. der adel. Geschlechter, 149. 150.

3 R. Pauli, Aufsätze zur englischen Geschichte, 274.