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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 295

fonds also des accumulierten Grundrentenbetrages bestimmten, sowerden wir offenbar folgende Feststellung machen müssen:

1. Die Höhe der städtischen Grundrente hing imwesentlichen ab von der Attraktionskraft, die eine Stadt auf diewerkthätige Bevölkerung der umliegenden Landschaften auszuübenvermochte. Je mehr Ansiedler, desto höher die Beträge, die vonihrer Arbeit einbehalten werden konnten. Selbstverständlich spielten

> andere Momente hinein: vor allem der Grad von Produktivität, den

die gewerbliche Arbeit in der betreffenden Stadt zu erreichen ver-mochte. Wenn eine Stadt etwa ein blühendes Exportgewerbe schuf,so ist ersichtlich, dafs die Grundbesitzer gröfsere Wertbeträge inihre Taschen zu leiten im stände waren, als wenn dies nicht derFall war. Wir werden noch sehen, in welchem Umfange derartigeglückliche Verumständungen die Grundrentenaccumulation in einerStadt zu beschleunigen vermochten. Beispiel Florenz! Dann hingnicht wenig davon ab, wie eine Stadt topographisch gelegen war:je enger der Raum, auf dem sich eine Bevölkerung zusammen-drängen mufste, desto höher die ihnen in Form der Grundrenteabgenommene Mehrwertrate: Genua, Venedig, Konstanz, viele flan-drische Städte (wegen der sumpfigen Umgebung!) sind Beispielehierfür. Es liegt nicht fern, die rasche Bildung grofser Vermögenin ihren Mauern auch auf die Eigenart ihrer Lage zurückzuführen.

2. Die Höhe der ländlichen Grundrente, die in derStadt monetarisiert wurde (soweit sie nicht etwa verwandelte städti-sche Grundrente war), hing naturgemäfs ab von der Attraktions-kraft, die eine Stadt auf die Grofsgrundbesitzer des Landes, d. h.also im Mittelalter im wesentlichen auf den Landadel, auszuübenvermochte, einerseits, von der Fruchtbarkeit der Gebiete andrer-seits, die sich in der Verfügungsgewalt der urbanisierten Grund-eigner befanden. Man mufs mehr, als bisher geschehen, daraufachten, dafs für den Reichtum der Städte im Mittelalter (aus denangeführten Gründen) viel weniger ihre sog. Verkehrslage, als dieFruchtbarkeit und die Bevölkerungsdichtigkeit ihrer Landschaft be-stimmend waren. Hier lag der Vorsprung, den Norditalien und

? Flandern gewährten, die schon im frühen Mittelalter einem üppigen,

wohlangelegten Garten glichen. Man mufs die Schilderungen vonder flandrischen Landschaft in der Philippide lesen, um sich dasrichtige Verständnis für die frühe Blüte der niederrheinischenStädte zu verschaffen. Man mufs auch beachten, dafs beispiels-weise die flandrischen Seestädte wie Nienport, Ardenburg, Dam undauch Brügge viel später zu Reichtum gelangen als die binnenländi-