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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
300
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ttOO Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

2. nicht adlig ist, und von dessen Urvermögen wir 8. keine Wissenschaft be-sitzen, so ist offenbar die Aussage: dieser Mann ist auf diesem oder auf jenemWege zu seinem Reichtum gelangt, ohne jede Beziehung zu irgend einerquellenmäfsigen Feststellung. Sie enthält vielmehr einen national-ökonomisch-theoretischen Satz. Dieser aber mufs auf theoretischemWege bewiesen werden. Ich brauche nicht hinzuzufügen, dafs dieses vonkeinem der Historiker, die von der wundersamen Macht des Handels, exnihilo zu Reichtum zu führen, überzeugt sind, bisher unternommen ist.Wünschenswert wäre es nur, wenn die Historiker mehr als bisher sich be-wufst würden, wann sie die Grenze desquellenmäfsigen Beweises über-schreiten und in das uferlose Meer der Theorie hinaussegeln. Hier genügt esmir, festgestcllt zu haben, dafs der von mir vorweggenommene Einwand gegendie Richtigkeit meiner Hypothese eine (einstweilen unbegründete) Theoriegegen eine, wie ich hoffe, in ihren wesentlichen Punkten begründete Theoriestellen würde. So dafs uns die Wahl nicht schwer werden kann. Hinzufügenwill ich nur noch, dafs selbstverständlich zahlreiche Möglichkeiten denkbar (undsicherlich auch zugetroffen) sind, wie jemand, der nicht adlig und nicht demPatriciate angehörte, sich aus Grnndeigentumsrechten ein Urvermögen zubilden imstande war:

1. er konnte Grundeigentum durch Schenkung, durch Belehnung, durchErbschaft, durch Heirat (ein häufiger Fall!) erwerben;

2. er konnte in den Besitz erheblicher Bodenwerte oder Grundrentendurch Glücksfall oder Spekulation kommen: wenn er mit seinen Er-sparnissen etwa Grundstücke zum landwirtschaftlichen Nutzungswerteangekauft hatte, deren Preis dann durch die Ausdehnung der Stadtin die Höhe getrieben wurde.

Was an

S pe ci alli tteratur

über die hier aufgeworfene Frage vorhanden ist, ist durchaus unzulänglich.Das wird es verzeihlich machen, wenn meine eigenen Zusammenstellungeneitel Stückwerk sind. In Betracht kommt die Litteratur aus drei Gebieten:

1. Die Litteratur über Familiengeschichte. Eine Krux für denHistoriker, weil in der Mehrzahl der Fälle gefälscht, namentlich wo es sichum den Nachweis adliger Abstammung handelt, also um den Punkt, auf denes hier gerade ankommt. Immerhin besitzen wir eine Reihe brauchbarerlokalgeschichtlicher Werke, von denen der Leser eine Anzahl benutzt findenwird. Was besonders störend bei Verfolgung der unserer Untersuchung ge-steckten Ziele ist, ist der Umstand, dafs gerade die Geschichten adliger Fa-milien am letzten auf eine von einzelnen Mitgliedern etwa ausgeübte Handels-tliiitigkeit Rücksicht nehmen.

2. Die Litteratur über Handelsgeschichte. An sich schon von be-kannter Dürftigkeit, versagt sie in unsorem Falle fast ganz. Naturgemäfs:wer eine Geschichte des Handels schreibt, pflegt immer Wunderdinge vomHandel zu erzählen, insbesondere ist er von seiner Reichtum erzeugendenKraft tief durchdrungen. Auf einen Nachweis der Genesis einzelner Kauf-mannsvermögen geht aber die Mehrzahl der Darstellungen aus diesem Gebieteder Litteratur überhaupt nicht ein. Ein hervorragender Platz gebührt inder handelsgeschichtlichen Litteratur dem ausgiebig in diesen Studien be-nutzten Werke Schultjes, das sich gerade Jauch durch die individuell per-