Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 307
Alle alteingesessenen Grundbesitzer treiben Handel; d. h. jener „ge-schlossene, eng verbundene Kreis reicher und angesehener Altbürger“, aus denendas späterePatrieiat erwächst. C.M. Pauli, Lüb. Zust. 1 (1847), 71. 75. Wir findensie seit dem 14. Jahrli. im Besitze grofser Güter. Ebenda S. 73. Einen Zuzugdes Adels vom Lande nimmt Pauli nicht an (S. 71). Das hat viel für sich.Es würde als eine der wesentlichen Ursachen anzusprechen sein für die rück-ständige Entwicklung Lübecks (und wohl der meisten norddeutschen Städte?),das ja niemals das Reichtumsniveau der süddeutschen Städte erreicht hat.Man vergleiche die oben mitgeteilten Budgets von Lübeck und Köln !
Hier finden wir wieder dieselben soliden Fundamente einer bedeutendenkommerziellen und industriellen Entwicklung wie in Augsburg . Die Ge-schlechter bilden sich aus einer Verschmelzung der Ministerialen und orts-angesessenen Grundbesitzerfamilien mit landsässigem, in die Stadt über-gesiedeltem Adel. Letzterer scheint einen nicht unbeträchtlichen Bestandteildes Nürnberger Patriciats gebildet zu haben. Ihm gehörten wohl die Hirsch-vogel an, deren Stammvater sich 1320 zu Nürnberg niederläfst „mit einemgrofsen Vermögen und ansehnlichen Gütern“. Roth, Gesch. des nürnb. Han-dels 1, 126. Die Thatsache, dafs alle alten Nürnberger Geschlechter Handeltrieben, und dafs im wesentlichen aller Handel grofsen Stils sich währenddes 15. Jahrhunderts in ihren Händen befand, ist zu bekannt, als dafs siebesonderer Nachweise bedürfte. Es genügt, dafs ich an die klangvollen Namenerinnere der Behaim, Ebner, Paumgärtner, Grundherr;, Imhof, Haller, Holz-schuher, Schürstab, Seheuri, Pfinzing, Pirkheimer, Tücher, Stromer. Zu ver-gleichen aufser dem genannten Werke von Roth namentlich K. Hegel , DieEhrbaren und das Patrieiat von Nürnberg, in der Chron. d. St. 1, 214 ff.; fürdie Handelsthätigkeit der Nürnberger Geschlechter Schulte, 2, 330 s. v. Nürn-berg . Neuerdings L. C. Beck, Zur Gesch. der Nürnb. Handw. und Fabrik,in der Festschrift zur 40. Hauptversammlung d. Ver. deutscher Ingenieure zuN. 11.-15. VI. 1899. S. 350.
Ulm.
Ich schaue mich schliefslich noch einen Augenblick in der alten blühen-den Reichsstadt Ulm um und finde, dafs sich hier in mehrfacher Hinsicht dieVerhältnisse, um deren Klarstellung uns hier zu thun ist, so durchsichtig ge-stalten, dafs es sich wohl verlohnt, sie dem Leser mit einigen Worten vordie Sinne zu führen. Vielleicht schulden wir die Klarsichtigkeit der meister-haften Geschichtsdarstellung, die wir gerade für Ulm besitzen. Der altePfarrer aus Bürg bei Heilbronn (Carl Jäger, Ulms Verfassung, bürgerlichesund kommerzielles Leben. 1831) hat den Dingen so tief auf den Grund ge-sehen, wie wenige Wirtschaftshistoriker, und giebt uns insbesondere ein Bildvon dem Handel Ulms, das an Deutlichkeit und Plastik gar nicht übertroffenwerden kann. Was aber aus der Darstellung Jägers für den aufmerksamenLeser vor allem zum Greifen fafsbar hervortritt, ist der gründliche Unter-schied zwischen dem alten meskinen, handwerksmäfsigen Berufshandel unddem ihn ablösenden, zunächst gelegentlich betriebenen Geschlechterhandel
20 *