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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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308
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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

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gröfseren Stils, also jener Gegensatz, auf dessen Herausarbeitung dieses ganzeKapitel angelegt ist.

Es ist zunächst wieder festzustellen, dafs alle grofsen und bekanntenHandelshäuser Ulms seit dem 14. Jahrhundert geschlechtlichen bezw. ministe-rialen Ursprungs sind (die meisten Ulmer Geschlechter waren auch Ministerialeoder standen sonst in einem Lehensverhältnis zu Königen und Klöstern:Jäger, 190), also als Fundamentum aceumulierte Grundrenten haben. Esgenügt, wenn ich die folgenden Familien namhaft mache: Baidinger, Besserer,Ehinger, Günzburger, Gwärlich, Holzheim, Kraft, Marchthaler, Mörlin, Neit-hart, Rehm, Roth, Scheler, Stammler, Strölin, Vainaken.

Was uns interessiert, ist nun dieses: ganz unabhängig von den genannten,uns aus der Handelsgeschichtc fast allein bekannten Familien bestand seitaltersher in Ulm eine Zunft der Kaufleute, d. h. also jener trefflichen Leute,die wir seit dem frühen Mittelalter sieh auf Messen und Märkten abrackernsehen, jener handwerksmäfsigen marchands sans heritage, die man wohl auchalsGroßhändler in den Geschichtsdarstellungen verzeichnet findet, weil sieallerdings von den Krämern unterschieden waren: in Ulm bestand neben derZunft der Kaufleute eine solche der Krämer. Jene Handwerker-Kaufleute,die, wie sich Jäger treffend ausdrückt,in der Mitte zwischen dem Hand-werker und dem freien Grundeigentümer standen, nämlich wohl in dersocialen Wertung, hatten ursprünglich mit den Marnern (Webern) zusammeneine Zunft gebildet: auch das ist charakteristisch für ihr Wesen. Es lag nunnahe, dafs die Geschlechter, nachdem sie einmalsich in bürgerliche Gewerbeeingelassen (Jäger, 251) hatten, sich den Berufskaufleuten näherten. Dasbrachte gewifs allerhand Vorteile; hatten die Geschlechter zwar allein dasnötige Kleingeld, um ernstlich Handel treiben zu können, so hatten jene diegrüfsere Routine. So kam es gelegentlich vor,dafs sie (die Geschlechter)sogar eine Handelsgesellschaft mit Zünftigen nicht vermieden (252). 1434

hatten beispielsweise die Geschlechter Hans Strölin, J. Mörlin und Utz vonHolzheim mit zwei Zünftigen, den p. Kürbier und Leehner, sich zu gemein-samem Handelsbetrieb associiert. Und auch der Zunft der Kaufleute schlossensich immer mehr Geschlechter an wohl in dem Mafse, wie ihr Handel einberufsmäßiger wurde. Die Folge war, dafs sich das sociale Niveau derZunft hob.Bei der grofsen Anzahl von Geschlechtern, die sich in der Kauf-leute Zunft befanden, glaubte diese Zunft zu Ende des 15. Jahrhunderts (manbeachte die Zeitepoehe!), sich etwas mehr aneignen zu dürfen als die übrigenZünfte, und errichtete eine eigene Kaufleutestube (252), nämlich neben dereigentlichen Museumsgesellschaft der Geschlechter. Das pafste nun aber den-jenigen Patriciern, die noch etwas auf sich hielten, gar nicht.Die übrigenGeschlechter, welche ihrem Rechte nachteilige Konsequenzen fürchteten, lehntensich daher förmlich gegen die Errichtung dieser Kaufleutestube auf. Freitagvor Invocav. 1503 wurden Matthäus Lupin und Simprecht Leins in des Ge-schlechters Wilhelm Besserers Haus gerufen. Hier safsen Wilhelm Besserer, Wilhelm Neithard, Leins leiblicher Schwager Jakob und Walter Ehingeru. a. als Stubenmeister der Geschlechter und hielten jenen vor,dafs sie indem Hause eines gewissen Rottengatters eine Stube zu einer Zeche ein-gerichtet . . haben sollten u. s. w. Der Witz ist nun aber der, dafs die ge-nannten drei Obergeschlechter sämtlich bei Schulte im Register verzeichnet;sind; will sagen, dafs sie (und wieviel mehr also die von ihnen vertreteneu