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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 3 ] 5

der in einem bekannten Briefe eine Schilderung des Lehens auf den Lagunenentwirft, unabhängige Pfännerschaften? Denn dafs eine der frühesten Er-werbsquellen der Venetianer die Salzgewinnung war, wissen wir. Oder han-delte es sich damals schon um grundherrlichen Salinenbetrieb? Es wird sichnicht entscheiden lassen. Nur soviel steht aufser Zweifel, dafs in der Zeit,aus der wir die frühesten Urkunden besitzen, schon eine Differenzierungzwischen der werktliätigen bäuerlichen und gewerblichen Bevölkerung undden Besitzern des Grund und Bodens eingetreten war. Das Terrainfür die Salzgewinnungsi cedeva dal propietario . . ad un conduttore o apiü consorti: per alcuni anni o per livello di anni 29 col solito canone (pensio)al termine per rinnovarlo; o in feudo. B. Cecchetti, La vita dei Vene-ziani fino al secolo XIII. im Arch. veneto 2 (1871), 75. Die Salinen werdenvon Gewerben (consorti) betrieben. Wir Besitzen solche Pachtverträge ausden Jahren 1034, 1140, 1170. Ebenso wissen wir, dafs auch die Weinbergeum diese Zeit von ihren Eigentümern Teilpächtern zur Bebauung übergebenwurden. Cecchetti, 76.

Also vom 11. Jahrhundert ab datieren die quellenmäfsigen Nachweiseeiner grundbesitzenden Klasse in Venedig. Woraus war diese gebildet? Auchdarüber schweigen sich die Quellen natürlich aus. Wir dürfen aber dochwohl, denke ich, mit einiger Sicherheit schliefsen, dafs jene grundbesitzendeAristokratie von den vornehmen einwandernden Familien gebildet wurde:esisteva un elemento aristocratico . . fino dal primo reggimento dei tribuni,perchÄ esisteva fra mezzo alle plebi fuggiasche. Cecchetti, 80. Mögen wirannehmen, )es sei eine ackerbautreibende und Salz produzierende Bevölke-rung vorhanden gewesen, oder aber die Einwanderer haben sie selbst erstgebildet: immer liegt es nahe, vom Beginn der Einwanderung an sich dieBevölkerung in die beiden Klassen der wohlhabenden Grundbesitzer (die imersteren Falle die vorhandenen Dorfgemeinden ausgekauft haben würden)und eine besitzlose Handwerkerschaft zerfallend vorzustellen. Denn wasder venetianischen Geschichte ihr eigentümliches Gepräge ver-leiht, ist doch wohl dieses: dafs in der Entwicklung des städti-schen Gemeinwesens von vornherein ein Stamm reicher anGeld und namentlich auch Landbesitz reicher Familien, dassind die einwandernden Optimaten, als entscheidender Faktorwirksam ist. Wenn überhaupt für einen Platz, so gilt für Venedig derSatz: dafs es nicht reich wurde, weil es Handel trieb, sondern Handel undanderen Erwerb in gewinnbringender Weise treiben konnte, weil es reichwar. Dafür mögen noch einige Belege beigebracht werden.

Dafs unter jenen Flüchtlingen, die aus den verfallenden RömerstädtenAquileja, Altinum, Jesolo, Torcello, Padua auf die Lagunen übersiedelten,zahlreiche optimatische Familien sich befanden, darf als sicher gelten.AlsRialtos Stamm im Aufsteigen war, wanderten die alten Familien sc. Aqui-lejas nach und nach dorthin aus und gossen das edle Römerblut in die Aderndes jungen Stadtgebiets;ihre angesehensten Geschlechter verliefsen sie(sc. Eraclea), um (in) .. . Venetia ihr Glück zu versuchen; bei Jesolo wieder-holt sich das gewohnte Schauspiel: die edlen Familien wanderten nachRialto aus; nach Torcello, die noch im 10. Jahrhundert blühende Vorläuferinvon Venedig, wanderten die grofsen Geschlechter Altinums aus;aberauch Torcello entging nicht dem allgemeinen Schicksal der Lagunenstädte: