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Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 323
Vgl. z. 15. Hegel, Städteverfassung 2, 202. Nun mufs ich gestehen,dafs ich den göttlichen Poeten für Dinge wie die Herkunft von guelfischenFamilien als einen aufserordentlich fragwürdigen Gewährsmann ansehe. Werein so verärgerter Parteimann ist, wie es Dante war, hat kein ungetrübtesUrteil über die Qualitäten seiner Gegner. Dafs die Cecchi und Buondelmonteim 13. Jahrhundert erst nach Florenz gekommen sind, mag stimmen; dafsaber „andava l’avolo aila cerca“ ist wohl nur eine gallige Unterstellung.
Ich möchte also Dante als Eideshelfer ablehnen, und versuche mir ander Hand der Quellen selbst eine Vorstellung zu verschaffen von dem Empor-kommen der „gente nuova“. Was diese zunächst gemeinsam hat, ist ihreHerkunft aus dem Borgo Oltr’Arno. Was wissen wir von diesem Stadtteil?Wohl soviel, dafs er bis 1200 aus wenigen Häusern bestanden hatte, die in3 Borghi eingeteilt waren. Vgl. Miss E. Dixon, The Florentine WoolTrade, in den Transaetions of the R. Hist. Soc. 12, 170. Diese Borghi warenoffenbar ebensoviele Dörfer; denn das Land lag doch wohl vor den Thoreneiner Stadt wie Florenz nicht öde. Im Laufe des 13. Jahrhunderts entwickeltsich nun gerade das Gebiet jenseits des Arno: hier siedeln sich die Ilumiliatenan, hier findet die sich rasch ausdehnende Tuchmacherei Quartier. Wenn esrichtig ist, was alle Quellen bestätigen, dafs von 1150—1300 die Bevölkerungvon Florenz rapid anwächst — Hartwig nimmt an, sie habe sich in diesemZeitraum verfünffacht. D. Zeitschr. f. Gesch.Wiss. 1, 19 — so dürfen wir eingut Teil des Bevölkerungszuwachses auf das Konto von Oltr’ Arno setzen.Dafür spricht auch die rasche V ermehrung der Arnobrücken. 1218—1220 wirdder Ponte nuovo (alle Carraia), 1236—37 der Ponte Rubaconte (alle Grazie)gebaut, 1252 der Ponte S a Trinitä begonnen. Villani, Cron. V. 41. 42; VI.26. 50. Also in einem Menschenalter werden dem bestehenden Ponte Vecchionicht weniger als drei neue Brücken zugefügt. In der Chronik des Don.Veluti (ed. Manni 1731 p. 74) heifst es denn auch schon: „Sesto d’Oltrarnoe di San Piero Scheraggio erano maggiori che gli altri di persone orrevolie di ricchezza.“
Diese ganze Entwicklung mufste offenbar eine enorme Steigerung desBoden wertes, namentlich in Oltr’Arno zur Folge haben. Wenn wir dieSchätzungswerte des Jahres 1266, wie sie uns in den Del. 7, 203 ff. über-liefert sind, mit den Bodenpreisen vergleichen, die in den zahlreichen vonFrey, a. a. O., mitgeteilten Verkaufsurkunden aus den 1290er Jahren ent-halten sind, vergleichen, so müssen wir in der That auf eine aufserordentlicheSteigerung der Grundwerte in jenem Menschenalter schliefsen. Wer also glück-licher Besitzer gröfserer Bodenkomplexe gewesen war, mufste eine erheblicheBereicherung durch deren Verwertung erfahren haben. Der Leser sieht, woraufich hinaus will; jene Familien aus Oltr’ Arno, deren Reichtum im 14. Jahrh.uns in Erstaunen setzt, waren die vornehmlich grundbesitzendeu Geschlechterjener Gebiete gewesen, auf denen sich jetzt die rapide Ausdehnung der Stadtvollzog. Wir dürfen diese Thatsache, die wohl für jeden Unbefangenen an sichaufserordentlich plausibel aus inneren Gründen erscheint, auch durch dieQuellen als bestätigt ansehen. Dafs alle die genannten Familien kein Ge-sindel von Hause aus gewesen sind, sondern frühzeitig — jedenfalls schon inder Mitte des 13. Jahunderts — zu den Notabein von Oltr’Arno gehörten,also doch jedenfalls wohl zu den altangesessenen Geschlechtern, beweist unsihre häufige Erwähnung als Zeugen etc. in den Urkunden. Wir finden sic
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