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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft.

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Rahmen der Kolonialwirtschaft Kenntnis nehmen wollen, alsonamentlich von der unmittelbaren Accumulation durch zwischen-gliederlose Aneignung der Geldware sowie der Accumulation durchVermögensübertragung, so geschieht es am besten unter Voranstellungder Thatsache , dafs sich mit diesen Arten der Accumulation in deneuropäischen Kolonien ein anderes für die Genesis des modernenKapitalismus entscheidend wichtiges Phänomen kompliziert: das istnämlich die durch die Erwerbung der Kolonien herbeigeführteVeränderung des Besitzstandes an edlen Metallen indem gesamten europäischen Wirtschaftsgebiete. Man darf getrostsagen, dafs alle Accumulation, wie wir sie bisher verfolgt haben,kaum oder jedenfalls nur in unendlich langsamem Tempo eine kapi-talistische Wirtschaft herbeizuführen in der Lage gewesen wäre,hätte es sich nicht wir müssen von dem Standpunkt unsererbeschränkten Erkenntnis aus sagen: zufällig gefügt, dafs dieWesteuropäer in ihren Kolonien jene Überfülle von Edelmetallensei es bereits vorfanden, sei es zu Tage förderten, wie es thatsäch-lich der Fall war. Erst das Zusammentreffen dieser beiden Fakta:dafs erstens Westeuropa in so weitem Umfange fremde Ländermittelst einer rücksichtslosen Kolonial Wirtschaft ausbeuten konnte,die zweitens überreich an Metallgeld bezw. Edelmetallen waren,macht die Genesis des modernen Kapitalismus plausibel: wiederumein Punkt, von dem aus die Absurdität einer abstrakten Theoriedes Kapitalismus in voller Deutlichkeit wahrgenommen werdenkann. Europa ohne seinen Kolonialbesitz wäre voraussichtlich (so-bald die deutschen Minen erschöpft gewesen wären) nicht im Kapi-talismus, sondern in der Naturalwirtschaft geendigt. Beobachtenwir doch, wie werigstens bis tief ins 15. Jahrhundert hinein derVorrat an Edelmetallen immer knapper wurde. DieGründe sind bekannt: zunächst war ein grofser Teil des Bar-geldes, das die römische Kultur in Westeuropa verbreitet hatte,seitdem Byzanz erblüht war, vornehmlich auf dem Steuerwegenach dort abgeflossen. Dann hatte der Handel mit der Le-vante das übrige gethan. Man weifs, dafs dieser seit jeher einefür Westeuropa passive Bilanz aufgewiesen hat, und dafs seit derRömer Zeiten unaufhörlich grofse Beträge von Edelmetall nach demOsten abgeströmt sind. Je blühender der Handel wurde, um soempfindlicher die Blutabfuhr. Die Situation des Mittelalters warnun diese: Italien, insonderheit Venedig, pumpte namentlich ausDeutschland alles dort neu zu Tage geförderte Edelmetall auf demWege des Handels aus, da es natürlich eine aktive Handelsbilanz