Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes.
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man sich die Verschönerung und Bereicherung des Lebens er-wartete. Und der Zufall fügte es, dafs in dem Mafse, wie die Sehn-sucht nach materiellem Wohlleben immer breitere Schichten derBevölkerung ergriff, auch die Mittel und Wege eröffnet wurden, umjene Sehnsucht zu stillen. Es kommen die Zeiten, in denen sichin den Händen einzelner Personen gleichsam über Nacht grofseVermögen ansammeln. Die Ausräubung des Orients beginnt uner-mefsliche Reichtümer in den italienischen Städten anzuhäufen, undwas das wichtigste ist: die Gewinnung von Edelmetallen nimmtgegen Ende des Mittelalters wieder einen rascheren Aufschwung.
Damit aber war die Zeit erfüllet, dafs sich jener merkwürdigepsychologische Prozefs in den Menschen abermals vollzog, dessenVerlauf uns neuerdings mit gewohnter Meisterschaft Georg Simmel geschildert hat: die Erhebung des absoluten Mittels — des Geldes— zum höchsten Zweck. In dem Mafse, wie man die Wirksamkeitdes Geldbesitzes, seine Fähigkeit des Allesverschaffens sah oderdoch wenigstens zu sehen vermeinte, konzentriert sich von nun aballes Streben in dem heifsen, glühenden, unstillbaren Verlangennach Geld. Es beginnt die auri sacra fames wieder einmal ihrenverheerenden Zug durch die Lande. In Italien vernehmen wir schonim 14. Jahrhundert die Klagen der Moralisten über die zunehmendeSucht nach dem Golde. Von den „Subiti guadagni“, von denenDante zu berichten weifs, war schon die Rede. In der DescriptioFlorentiae aber (1339) lesen wir: nimium sunt ad querendampecuniam solliciti et attenti, ut in eis qualiter dici possit: semperardet ardor habendi et illud: o prodiga rerum luxuries! nunquamparvo contenta paratis et quaesitorum terra pelagoque ciborum am-bitiosa fames 1 . Wir kennen dann zahlreiche Äufserungen aus derZeit des 15. und 16. Jahrhunderts, die uns bezeugen, dafs das Geldüberall in Westeuropa begonnen hatte, seine Herrscherstellung einzu-nehmen. Pecuniae obediunt omnia, klagt Erasmus; „Gelt ist aufferden der irdisch gott “ verkündet Hans Sachs; beklagenswert nenntWimpheling seine Zeit, in welcher das Geld zu regieren ange-fangen. Colon aber feiert in einem bekannten Briefe an dieKönigin Isabella die Vorzüge des Geldes mit beredten Worten also:„El oro es excellentissimo, con el se hace tesoro y con el tesoro
1 In den mir bekannten Drucken der Deser. Flor., auch neuerdings inder Wiedergabe bei C. Frey, Loggia dei Lanzi, ist das Citat verstümmelt,ohne dafs von den Herausgebern gesagt wäre, ob die Handschriften selbstdie Verstümmelung enthalten. Die Verse sind aus Lucans Pharsalia. Lib. IV,V. 373—376, entnommen. Ich habe danach den Text verbessert.