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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes.

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Ruten, roven, det en is gheyn schändedat doynt die besten van dem lande.

Der Papst konnte allenfalls noch vermittelst seiner geistigenMacht den gläubigen Seelen in Form von Ablafsgewährungen undauf manche andere Weise das Geld aus der Tasche ziehen und auskleinen Beträgen grofse Schätze anhäufen h

Erst wo diese natürlichen Machtmittel versagten, mufste dieherrschende Klasse mit den wohlhabenden Leuten in den Städtenpaktieren, um sie zu Darlehen zu veranlassen. Es war ein Not-behelf, der dann mit der Zeit freilich immer urvermeidlicher wurde.Wir haben gesehen, wie diese Bemühungen schliefslich die Liqui-dation des feudalen Reichtums herbeiführten.

Was aber blieb dem, der keine Macht über andere hatte, wedergeistige noch physische? dem aber auch niemand gern gröfsereSummen lieh? wie sollte er seine Sehnsucht nach dem Geldestillen, er, dem niemand dienstbar war? Das Bestreben, ausdieser Not zu helfen, führt zu zwei Komplexen von Erscheinungen,die als charakteristische Wahrzeichen den Beginn der sogenanntenNeuzeit markieren: das Goldgräber tum und die Alchemie.

Mephistopheles im Gewände des Narren hatte das Programmfür alle diese geheimnisvollen Bestrebungen entworfen, die währenddes 15., 16., 17. Jahrhunderts ein gut Teil der europäischen Volks-kraft absorbieren sollten:

Ich schaffe, was Ihr wollt und schaffe mehrZwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.

Es liegt schon da, doch um es zu erlangenDas ist die Kunst: wer weifs es anzufangen?

Es ist ein wundersamer Zauber, der jene Zeiten umwebt undjeden in seinen Bann zwingt, der auch nur einigen Sinn für Poesieund Romantik sich bewahrt hat. Uns, die wir in der Ode desökonomischen Rationalismus verkümmert sind, will es kaum glaub-haft erscheinen, dafs Generationen von phantastischen Märchen sichirreführen lassen, dafs die Besten ihrer Zeit Jahrhunderte hindurchHirngespinsten nachjagen konnten, und alles nur darum, weil jenesunheimliche Sehnen nach dem goldenen Metalle ihre kindlich-gläubigen Gemüter ergriffen hatte. Hier ist ja nicht der Ort, dieMenschheit auf jenen Irrgängen zu verfolgen-, auch möchte dieFeder, die diese Zeilen niederschreibt, kaum die Kraft besitzen,jenen Wirrwarr von psychologischen und psychopathischen Seelen-

1 Vgl. dazu noch aufser den cit. Schriften über päpstliches FinanzwesenWiskemann, Ansichten, 15.

Sombart, Dur moderne. Kapitalismus. I.

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