Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes.
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Wurzel fassen konnte, dafs es ein heiliges Werk sei, die hermetischeKunst zu betreiben, weshalb dann Frömmigkeit als eine unerläfs-liche Bedingung für das Gelingen angesehen wurde * 1 .
Dann freilich, seit dem 15. Jahrhundert, wurde die Alchemiemehr und mehr reines Mittel zum Zwecke der Bereicherung. Sehrzum Arger der wahren „Adepten“ bemächtigten sich jetzt Hansund Kunz des Tigels, um ihr Glück zu versuchen. Man klagte 2 :„Es will fast jedermann ein Alchimiste heifsenEin grober Idiot, der Jünger mit den GreissenEin Scherer, altes Weib, ein kurtzweiliger RatDer kahl geschorne Mönch, der Priester und Soldat.“
„Nun wollt doch ein jeglicher gern lesen in Geschrifft derAlchimey solche Stücke oder Künstlin, die da leicht und gar ringzu brauchen weren, dardurch er mit kurtzer eyl viel Golds undSilbers machen köndt 3 .“ Seinen ersten Höhepunkt erreichte dasGoldmacherfieber während des 16. Jahrhunderts: Damals hatte dieLeidenschaft der hermetischen Arbeiten alle Schichten der Be-völkerung ergriffen. Vom Bauern bis zum Fürsten glaubte jeder-mann an die Wahrheit der Alchemie. Die Sehnsucht, schnell reichzu werden, die ansteckende Wirkung des Beispiels riefen überallden Wunsch wach, sich jener Beschäftigung hinzugeben. Im Palastwie in der Hütte, bei dem armen Handwerker ebenso wie im Hausedes reichen Bürgers sah man Vorrichtungen in Thätigkeit, mittelstderen man Jahre hindurch den Stein der Weisen suchte. Selbstdas Thorgitter des Klosters bot für das Eindringen der alchemisti-schen Kunst kein Hindernis dar. Es soll damals kein Kloster ge-geben haben, in dem nicht irgend ein Ofen zum Zweck der Gold-macherei aufgestellt war 4 .
müssen andererseits uns erinnern, dafs die geistig höchststehenden Männerdes Mittelalters, wie Geber, Albertus Magnus, Roger Baco , Picus Mirandolanusu. v. a. mit Eifer der Kunst des Goldmachens oblagen, offenbar doch aushöheren Motiven als dem blofsen Streben nach Geldbesitz.
1 Vgl. Ko pp, a. a 0. 1, 210 ff. Eine gute Ergänzung zu dem Kopp-schen Werke bildet das Buch von Schmieder, Geschichte der Alchymie1832, weil Schm, selbst noch gläubig war und uns deshalb wertvolle Einblickein die psychologischen Hergänge der Adeptenseelen liefert.
2 Deutsche Übersetzung aus dem Examen alchemisticum des Pantaleonbei Ko pp 1, 234.
3 Paracelsus im Coelum philosophicum seu über vexationum bei Kopp
1, 39.
4 Louis Figuier , L’Alchimie et les alchimistes. 3° ed. (1860) 136.„C’est donc au seizifeme sifecle qu’il faut se reporter, si l'on veut prendre une
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