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Es sind dieselben Zeiten, in denen auch die Sucht nachReiseabenteuern ihren Höhepunkt erreichte. Wir beobachten, wiesich die Phantastereien der Hermetiker mit den Wahngebilden derReiselustigen zu einem einheitlichen Komplex von Vorstellungenverschmelzen. Der Stein der Weisen beginnt sich gleichsam mitdem Dorado zu identifizieren. So heilst es bei Laurentius Ven-tura in seinem Aenigina della Pietra phisica (1571):
„Nell’ India (parte piü calda dol mondo)
Nasce pietra talhor ch’ en se rinchiudeVirtü infinite che vengon dal cielo
Raubrittertum und Bauernschinderei, Goldgräberei und Alche-misterei erscheinen uns also als Aufserungen einer und derselbenBewegung, als verschiedene Mittel zur Erreichung eines und des-selben Zwecks: rascher Bereicherung. Was nun aber für uns dasHauptinteresse bietet, ist dieses: dafs in allen diesen Arten derGeldgewinnung oder Geldvermehrung noch jede, auch die leiseste,Spur kapitalistischen Geistes fehlt. Wir müssen es vielmehr als Er-gebnis einer ganz und gar neuen Gedankenreihe ansehen, wennman begreifen lernte: zur Vermehrung des Geldes könne nebenden genannten, dem natürlichen Menschen sich wie selbstverständ-lich darbietenden Beschaffungsarten auch die bisher unbewufst ge-übte normale — wirtschaftliche Thätigkeit dienen. Wirkönnen uns heute kaum noch vorstellen, welches ungeheure Raffine-ment dazu gehörte, den Gedanken zu fassen: durch Wirtschaftensei Geld zu verdienen. Das heifst also ein bisher als Zweck oderals Mittel zu völlig anders gearteten Zwecken (der Gewinnung desLebensunterhalts) betrachtetes, alltägliches Thun in das Verhältnisdes Mittels zu dem gänzlich heterogenen Zweck — des Geldmachens—• zu setzen.
Wann, wo und wie dieser Gedanke zuerst in die Weltkam, wird sich vermutlich ewig in undurchdringliches Dunkelhüllen. Aber wir können doch ungefähr wenigstens vermuten, inwelchen Kreisen und unter welchen Bedingungen jene GedankenWurzel fassen mochten. Es mufsten zunächst natürlich Leute sein,denen kein anderes Machtmittel zu Gebote stand, sich in den Be-sitz des ersehnten Geldes zu setzen, als der Erwerb durch wirt-schaftliche Thätigkeit, also Leute niederen Standes, roture.
idee exacte de l’etonnante influenee que les idees alehimiques ont exercee surl’esprit des hommes.“
1 Cit. bei Chr. G. von Murr, Litterarische Nachrichten zu der Ge-schichte des sog: Goldmachens (1805), 40.