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Deshalb liegt es nahe, für die rasche Entfaltung des Erwerbs-triebes in Westeuropa die Einsprengung zahlreicher stammesfremderElemente (der Juden) in die europäischen Völker als Erklärunganzuführen. Und sicher haben die Juden, dank auch des weiterenihrer Rassenveranlagung sowie ihrer oft unterdrückten Stellung,einen bedeutenden Anteil an der Genesis des kapitalistischen Geistesgenommen.
Doch darf man, scheint mir, ihren Einflufs in dieser Richtungnicht überschätzen. Gerade in den italienischen Städten sind siedoch schon an Zahl zu unbedeutend, um eine entscheidende Rollespielen zu können. In Genua wohnten im 12. Jahrhundert nurzwei jüdische Familien. Pisa, Lucca, Mantua hatten nur kleineGemeinden. Nur in Venedig wurde 1152 eine Kolonie von1300 Seelen ermittelt 1 . „In Florenz hat man ihnen den dauerndenAufenthalt bis in späte Zeiten nicht gestattet. Dasselbe Interesse,das so lange als möglich eine Templerniederlassung von der Stadtfern hielt, schlofs auch jenes rührige Element vom Wettbewerbmit den Einheimischen aus 2 .“ Jedenfalls sind neben ihnen massen-haft auch aus arischen Schichten der Bevölkerung die neuenMänner aufgetaucht. In diesen Fällen war es also zunächst derV er kehr mit Stadtfremden, der Raum für die Entwicklung desErwerbstriebes bot: im interlokalen Handel, unter denmercatores undinstitores, hat er sich im Laufe der Jahrhunderte langsam entfaltet.Was seiner Ausbildung dann aber vor allem zu gute kam, war dieAusdehnung der Kolonialwirtschaft: sie darf recht eigentlich als diePflanzschule kapitalistischen Geistes, gerade auch nach seineranderen, gleich zu betrachtenden Seite hin angesehen werden: fürdie Entfaltung des ökonomischen Rationalismus.