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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. 419

und man wird es verstehen, wie es einer der Lieblingsgedankenaller Staatsmänner und Nationalökonomen des 17. und 18. Jahr-hunderts werden konnte, die Staaten zupeuplieren. DurchausderZeit angemessen gipfelte alle damalige Volkswirtschaftspolitik inden beiden Desiderien: Geld und Menschen! Denn dafs die Entwick-lung des Kapitalismus nicht nur durch den Mangel an Geld, sondernebenso sehr durch das Fehlen der Menschen gehemmt wurde, lehrtuns jeder Blick in die wirtschaftlichen Zustände jener Zeit. Im16. Jahrhundert vernehmen wir in Spanien , das damals ja amraschesten auf der Bahn des Kapitalismus voranschritt, Klagen derCortes über Mangel an Arbeitern, dem sie durch eine Reihevon Gesetzen zu steuern suchen. 1579 petitionieren sie: Festlich-keiten und Vergnügungen möchten den Handwerkern an Wochen-tagen untersagt werden. Ein gleiches solle für die Tagelöhnergelten, ihre Zahl werde wachsen, sie werden fleifsiger werden 1 .

Im 17. Jahrhundert klagt ein Bericht der Verleger ländlicherHausindustrien in der Umgegend Basels:es sei nicht sowohlMangel an Arbeit als Mangel an Arbeitern. Gleichzeitig errichtetder Rat Basels einZucht- und Waisenhaus, dessen Insassen zugewerblichen Arbeiten angehalten werden sollen 2 .

Auf Knappheit an Arbeitern lassen auch die zahlreichen ge-setzlichen Festsetzungen von Lohnmaxima schliefsen, die uns seitdem Ausgange des Mittelalters begegnen.

Mir scheint aber, man wird zur Erklärung des notorischenUnterangebots von Arbeitskräften namentlich in den Ländern Kon-tinentaleuropas bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch andereMomente heranziehen müssen als die langsame Zunahme der Ge-samtbevölkerung. Man wird in Erwägung ziehen müssen, dafs auchdem etwa entstehenden Bevölkerungsüberschufs aufserordentlicheGelegenheiten zum Nahrungserwerb sich darboten. Für die männlicheBevölkerung zunächst im Söldner tum, das, wie wir wissen, mitdem Aufkommen der modernen Staaten rasch an Ausdehnung ge-winnt. Es bot sich hier die Möglichkeit für den Besitzlosen dar,sich ein gutes Auskommen zu verschaffen, denn der Kriegssold warstets hoch, immer jedenfalls um ein beträchtliches höher als derLohn für gemeine Tagelöhnerarbeit. Letzterer betrug beispielsweisein Augsburg im 15. Jahrhundert 1012 d., während dem Söldnermonatlich IVa fl. und die Kost gezahlt wurden 3 .

1 Bonn, Spaniens Niedergang, 108. 122.

2 Geering 602.

8 Chron. d. St. 5, 488; vgl. auch 1, 259.