Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 453
Nassau, Thüringen , dann Preufsen verbreitet. Und wenn wir dieHandelsbewegung in Häuten und Leder über die Grenzen desZollvereins beobachten *, kommen wir zu dem Schlufs, dafs die ver-kehrswirtschaftlich-kapitalistische Lederbearbeitung in Deutschland schon um die Mitte des Jahrhunderts einen Entwicklungsgrad er-reicht hatte, wie wenig andere Industriezweige in jener Zeit.Deutschland verdankte diese Entwicklung ursprünglich dem in-folge der allgemeinen wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landesnoch billigen Hauptgerbstoff: der Eichenlohe sowie seiner ausge-dehnten Schafhaltung 1 2 .
Aber selbstverständlich machte das für den interlokalen undinternationalen Absatz erzeugte Leder nur einen geringen Teil desGesamterzeugnisses der deutschen Gerbereien aus. Wir sahen, dafs1847 über die Grenzen des Zollvereins 30115 Ctr. Leder ausgeführtwurden, zu den sämtlichen deutschen Messen gingen in demselbenJahre aus dem Zollverein und dem freien Verkehr ein 101532 Ctr. 3— also etwa das auf dem Wege des interlokalen Handels inner-halb des Vereinsgebiets selbst abgesetzte Warenquantum —; da-gegen wurde das überhaupt im Zollverein produzierte Leder 1844auf 1 Mill. Ctr. geschätzt 4 * 6 . Wenn nun auch nicht der ganze Rest,also 8—900000 Ctr., das 6—7fache des „gehandelten“ Quantums auf die lokale handwerksmäfsige Produktion entfallen mögen, sodoch sicherlich eine recht bedeutsame Menge. Auch wird uns vonanderer Seite her bestätigt, dafs die handwerksmäfsige Gerberei, diez. T. sicher auch für den grofsen Markt arbeitete, bis Mitte der1850er Jahre sich noch im Aufschwünge befunden habe®, ihreVertreter aber — wohl wegen des beträchtlichen Vermögensbesitzes,den die Anlage auch der kleinsten Gerberei, namentlich Lohgerberei
1 Es betrug im Jahre 1847 die Einfuhr an Häuten und Fellen inden Zollverein 241325 Ctr., die Ausfuhr an Leder (und daraus gefertigtenWaren) 30113 Ctr. Dieterici, Übersichten etc. S. 20.
2 Noch im Jahre 1828 hatte Deutschland von seiner Fülle an Holzborkean das Ausland abgegeben: Einfuhr 57 780 Ctr., Ausfuhr 147 229 Ctr. (Diet e-rici, Volkswohlstand, 162); zwanzig Jahre später war der Bedarf der ein-heimischen Gerberei schon über die Inlandsproduktion hinausgewachsen; esbetrug 1848 die Einfuhr 55 863 Ctr., die Ausfuhr 38 488 Ctr. (Dieterici,Übersichten, 415).
8 Dieterici, Übersicht, 562.
4 Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands
3, 613.
6 Sogar im Königreich Sachsen: U. V, 451.