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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
erheischt — zu den angesehensten Handwerkern der Stadt nochimmer zu zählen gewesen seien 1 .
Nicht immer war die Gerberei zu einem eigenen Berufe abge-sondert. Wie in früherer Zeit der Kegel nach, so finden wir sieauch noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts vielfach als Nebembeschäftigung anderer Handwerker: der Sattler , der Metzger, nament-lich aber der Schuhmacher 2 3 * * . Wie sie von letzteren betrieben wurde,wird uns anschaulich geschildert für die Schusterstadt Loitz 8 :
Bis zum Jahre 1850 pflegte mit jeder Schuhmacherwerkstatteine Gerberei verbunden zu sein. Die Ackerbau und Viehzuchttreibenden Bürger der Stadt und die Bauern lieferten reichlichHäute. Im Mai, wenn der Saft zwischen Stamm und Rinde seinenWeg zur Krone nimmt, wurde vom Magistrat die Rinde der Eichenim städtischen Holz verkauft. Der Meister zog mit Gesellen undLehrlingen in die alten grünenden grofsen Waldungen der Um-gegend , und bald hallte der Hain wider vom Schlagen undHämmern der die Borke abstemmenden Schuster. Etliche Tageward das also gewonnene Produkt im Walde getrocknet, dannnach Hause gefahren. Dort hatte man inzwischen die trockenen Felleder Pferde, Rinder und Kälber ins Wasser gelegt und aufgeweicht, dannetliche Tage in der Kalkgrube geborgen. Am liebsten sah derMeister das Rind- oder Fahlleder; später schätzte man das Rofs-leder mehr. Aus einer Pferdehaut schnitt der gewissenhafte Meisternur 2 Paar Stiefel, nämlich aus den Hinterkeulenstücken: dasÜbrige verwandte er zu Einlagen und Hinterteilen. Der Zurichterkam, schabte die Felle, schälte sie dann an dem altgewohnten, demSchusteramt gehörenden Platze an der Penne, einer heute verödetenSteinbank am Flufsufer. Die so zugerichteten Felle liefs derMeister in die Lohe legen; nach 12 Wochen kommen sie wiederzum Vorschein,, das Sohlenleder gar erst nach einem Jahr, so hartund dauerhaft wie es heute kaum noch gefunden wird. Scheutejemand die Mühe des Gerbens, oder war er verhindert, so bezoger das Leder aus den Nachbarstädten Demmin und Treptow a. Toll,in denen gerade das Gerbereihandwerk das vorherrschende war.
1 U. I, 164. Nocli aus dem Ende des fünften Jahrzehnts haben wir ein
gewichtiges Urteil, das den Mangel an Lederfabriken beklagt: C. G. Reh len,Geschichte der Handwerke und Gewerbe. 3. Ausgabe. 1859. S. 140.
3 Über den Kampf der einzelnen Handwerker um die Gerberei in
Württemberg z. B. vgl. U. VIH, 461.
3 U. I, 38.