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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
eingeführte Glacehandschuhmacherei nie recht zum lokalen Hand-werk geworden, sondern gleich von Anfang an in verkehrswirt-schaftlich-kapitalistische Kreise gezogen. Dagegen bestand einst-weilen noch die alte deutsche Handschuhmacherei in handwerks-mäfsiger Organisation weiter: sie liefei’te hauptsächlich schwerelederne, leinene und wollene Handschuhe, deren Konsum noch einweniger eingeschränkter als etwa heute war.
Die Sattlerei, ein niemals genau umschriebenes Gewerbe 1 ,war jedenfalls in den 1840er Jahren noch vorwiegend entwederGeschirrhandwerk, oder sie griff in das Produktionsgebiet derTäschner ei über. Diese kann zu den Bekleidungsgewerben ge-rechnet werden, denn sie lieferte einen Teil der menschlichen Aus-rüstung, namentlich für die Reise. Die Sattler, aber auch dieTäschner sind noch ziemlich streng geschieden von den Tapezierernund Portefeuillern. Mit ersteren, die sich als freies Gewerbe ins-besondere seit dem Häufigerwerden der Polsterarbeiten entwickeln,und deren Arbeitsgebiet sich die Täschner zu erhalten suchen,liegen sie in der ersten Hälfte vorigen Jahrhunderts, wo Zunft-ordnung noch bestand, in harter Fehde. Was als eigentlichesProduktionsgebiet der Täschner noch um die Mitte vorigen Jahr-hunderts angesehen wurde, geht aus den 1852 gefafsten Artikelnder „Vereinigten Täschner- und Tapezierinnung“ hervor 2 , in denenden Täschnern ausdrücklich reserviert wurde: „Fertigung und Ver-kauf von Reise- und Musterkoffern in Holz, Leder und Rauchwerk,Militär-, Reise-, Geld-, Damen- und Schultaschen in Leder und anderenStoffen, Kontor-und Wechselmappen, Hut-, Schirm- und Schatullen-futterale, alle Arten von Jagd- und Reiserequisiten.“
Die Kürschnerei zerfällt seit altersher deutlich in zwei ver-schiedene Kategorien: Grobkürschnerei und — wie man sagen könnte■— Edelkürschnerei 3 . Jene verarbeitet die Felle der heimischen Tier-arten. Sie ist ihrer Natur nach ein lokales Handwerk: vor allemder Schafpelz und die Hasenfellmütze sind ihre für den Bedarf derbäuerlichen und kleinstädtischen Bevölkerung hergerichteten Haupter-zeugnisse. Das Rohmaterial stammt ebenso sehr aus der Umgegend des
1 In Sachsen werden die Täschner und Tapezierer erst 1849 zu einemGewerbe verschmolzen: U. V, 353.
2 U. V, 353.
3 Diese Bezeichnung ist nicht gebräuchlich. Statt dessen unterscheidetman heute Grob- und Galanteriekürschnerei. Doch deckt sich letzterer Be-griff nicht völlig mit dem von mir als Edelkürschnerei bezeichneten Teil desGewerbes.