Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen.
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Kürschners, wie sein fertiges Produkt meist auf Bestellung an Ab-nehmer der näheren Umgebung gelangt. Der grofsstädtische Edel-kürschner dagegen hat von altersher schon immer mit einem Fufs inder kapitalistischen Verkehrswirtschaft gestanden; er mufste stets mitbeträchtlichen Barmitteln die kostbaren ausländischen Pelze an dengrofsen Handelsplätzen auf eigenes Risiko hin einkaufen, war alsovon jeher mehr Händler als Handwerker. An seiner Thätigkeithatte sich um die Mitte vorigen Jahrhunderts kaum schon etwasgeändert: auf Bestellung verarbeitet er in seiner Werkstatt dieausgesuchten Rauchwaren von ihrem rohen Zustande bis zu denfertigen Pelzen, Pelzmützen, Muffs, Fufssäcken etc., an denen —dank der unbequemen Reisebedingungen — trotz niedigeren Wohl-stands und selteneren Reisens ein immerhin ansehnlicher Bedarfbesteht.
Die Kleidung des modernen Menschen besteht — bis auf wenigeKleinigkeiten — aus Leder oder Geweben; letztere sind aus derBehaarung der Tiere oder aus Pflanzenfasern bereitet. Wir habendie Lederbekleidungsgewerbe Revue passieren lassen: verweilen wirjetzt einen Augenblick bei den Gewebebekleidungsindustrien. Siezerfallen naturgemäfs in diejenigen Gewerbe, welche die Herstellungder Gewebe und diejenigen, welche deren Verarbeitung zum Inhalthaben. Beide Thätigkeiten finden sich vereinigt in der Hut- undMützenmacherei, so lange diese sich als Handwerk erhaltenhat. Das ist in den 1840er Jahren noch überwiegend der Fall.
Die Mütze aus Pelz oder Stoff war damals noch die ver-breitetste Kopfbedeckung. Ihre Herstellung lag zumeist den kleinerenKürschnermeistern ob, die sich lange Zeit gerade mittelst derMützenanfertigung in leidlicher Lage erhielten 1 .
Der Hut war ein Luxuskleidungsstück der Wohlhabenden.Er wurde in der Regel aus Hasen- oder Kaninchenhaaren gemacht 2 .
1 U. II, 327 ff. Noch „in den 60er Jahren war der Bedarf an Mützenein aufserordentlich grofser“; ferner VII, 63 f.
2 Der Seide'nhut war noch wenig gebräuchlich; erst seit Mitte des19. Jahrhunderts erlangt er gröfsere Verbreitung: U. VI, 298.312; der Woll-hut, in älterer Zeit die üblichste Form des Hutes — jedoch nur in rauher,schwerer Gestalt — war fast gänzlich aus der Mode gekommen. Er wurdeum die Mitte des Jahrhunderts gleichsam neu „entdeckt“, als es der Technikgelang, leichte, glatte Hüte aus Filz herzustellen: vgl. U. VI, 295. 296. 316.Der Strohhut ist nirgends Gegenstand handwerksmäfsiger Produktion ge-wesen. Vereinzelte Ansätze zu kapitalistischer Hutfabrikation schon um dieMitte des Jahrhunderts in Deutschland . Vgl. L. Wilkens, Die Erweiterungund Vervollkommnung des deutschen Gewerbebetriebes etc. (1847), S. 170/71.