480 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
das galt für die Stellmacherei in Breslau noch Ende der 1840erJahre 1 !
Aber was nun das besonders Charakteristische für die Wirt-schaftsepoche ist, deren socialen Niederschlag wir eben studieren,ist dieses, dafs der handwerksmäfsige Geist nicht nur im Handwerkselbst noch herrscht, sondern auch diejenigen Sphären noch nichtvöllig verlassen hat, in denen bereits der Kapitalismus haust. Dasersieht man zunächst daraus, welcher Art die sociale Stellungder gewerblichen Lohnarbeiterschaft in damaliger Zeitwar. Wir werden noch sehen, wie eng sie mit der Landwirtschaftverknüpft war. Hier interessiert uns, dafs das Arbeitsverhältnisselbst durchaus noch die Eierschalen der handwerksmäfsigen Organi-sation an sich trug.
Überall noch bei Papier und Eisen, bei Leder und Gewebenbegegnen wir dem „Meister“ mit seinen „Gesellen“, die wohl zu-weilen sogar noch als „Knechte“ bezeichnet werden. Natural-löhnung und langfristiger Kontrakt sind nichts seltenes, namentlichfinden wir sie in der Montanindustrie, die überhaupt am zähestenan den alten Formen hängt. Sind ja doch ihre Arbeiter einge-gliedert in die zunftartigen Knappschaften, Bruderschaften etc.
Nur ein Totalausdruck dieser halb handwerksmäfsigen, halbkapitalistischen Arbeitsverfassung ist denn auch das noch fastvöllige Fehlen eines proletarischen Klassenbewufst-seins. Noch ist die Gliederung der gewerblichen Bevölkerungauch in der Sphäre des Kapitalismus eine wesentlich vertikale: dieStandesehre der einzelnen Berufe verbindet auch in der kapitalisti-schen Industrie noch in meist patriarchalischer Weise Unternehmer
1 Ich teile noch einige andere Berichte mit, die ausdrücklich die Ein-gliederung der Gesellen in die Familiengemeinschaft des Meisters für jeneZeit bestätigen: Reuter, Verhältnisse und Lage der handarbeitenden Volks-klassen in den deutschen Gegenden des mittleren Rhein- und unteren Main -und Neckargebiets (Zeitschr. des Vereins für deutsche Statistik I, 366/67).A. Flor, Arbeitslöhne u. Lebensmittelpreise . . in Altona (ebenda, S. 900ff).Hier werden als nicht beim Meister wohnend genannt: Schneider, „mancheSchuhmacher“, Tischler, „einige Schmiede“ (S. 901). von Reden, Die Ver-hältnisse der handarbeitenden Bevölkerung im Fst. Hohenzollern-Sigma-ringen etc. (ebenda S. 637). Für Frankfurt a. M. vgl. Paul Kampff-meyers ein reiches Quellenmaterial verarbeitende, höchst lehrreiche Studie„Vom Frankfurter Zunftgesellen zum klassenbewufsten Arbeiter“ (Arbeiter-Sekretariat Frankfurt a. M. Erster Jahresbericht für 1899), die überhaupteine der besten Schilderungen des Arbeiter- und Gesellenwesens vor fünfzigJahren enthält.