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tritt ganz besonders deutlich der unentwickelte Stand ihres Klassen-bewufstseins in die Erscheinung. Dann erheben sie Forderungen,lassen Ideale durchblicken, die noch völlig der Welt des Handwerksangehören. Es genügt zum Beweise, auf die Bestrebungen derdeutschen Arbeiterschaft in der 1848er Bewegung hinzuweisen, die,von ganz wenigen Gebieten abgesehen, in denen der Geist Marxensschon zu wirken begonnen hatte, durchaus einen gesellenhaftenCharakter trägt, wo es sich um Fabrikarbeiter handelt, einen zünft-lerischen, wo Hausindustrielle die Fordernden sind * 1 .
Dasselbe gilt von der Klasse der Unternehmer. Eineeigentliche grofsindustrielle Unternehmerklasse mit selbständigemLeben fehlt im vormärzlichen Deutschland fast noch so gut wieganz: eine Thatsache, für die allein der Verlauf der 1848er Be-wegung hinreichendes Beweismaterial liefert. Eine Revolution, in-sceniert von der wild gewordenen Boutique der Hauptstadt, ge-tragen von kleinbürgerlich-professoralen Schönrednern und im Ent-stehen schon niedergeschlagen von den Bajonetten eines feudalenKönigtums, war nur möglich in einem Lande, dem das eigentlicheRückgrat bürgerlicher Revolutionen, eine zielbewufste Industrie-Unternehmerklasse noch fremd war. Und dafs diese Diagnoserichtig ist, dafür giebt es unzählige Indicien im einzelnen. Gewifswaren schon recht wohlhabende, ja wohl auch reiche Unternehmerbürgerlicher Observanz vorhanden. Aber sie waren meist noch vor-wiegend kommerzieller Natur, daher ihre höchste Entwicklung inden grofsen Handelsstädten zu beobachten ist. Wo wir eigentlicheIndustrielle finden, stellen sie meist noch jenen Typus des Knall-protzen dar, der das Parvenutum aus allen Poren schwitzt: dieerbärmlichste Karrikatur, die jemals in der Weltgeschichte erzeugt
und wollen sie mit allen Mitteln hindern; die Kämmer bei der Kammgarn-spinnerei verlangen, dafs die Kämmmaschinen beiseite gelegt werden sollen.In Mainz haben sogar die dortigen Handarbeiter die Besitzer der Dampf-maschine undPferde gezwungen, ihren Geschäftsbetrieb einzustellen.“ E. H ey m,Maschinen- oder Handarbeit ? Ein Wort an die deutschen Arbeiter. 1848. S. 8.
1 Aufserordentlich lehrreich für die Beurteilung der Arbeiterverhältnissejener Zeit sind die zu der Vereinbarung vom 27. III. 1848 führenden Forde-rungen der Crefelder Seidenweber. Was sie erstreben, hatten ein halbesJahrhundert früher die englischen Arbeiter ebenfalls gefordert: Wiederher-stellung der alten zünftlerischen Ordnung und der alten Meisterehre undMeisterprivilegien. Vgl. die Schilderung bei Thun, Industrie am Niederrhein 1,114 ff., und für die wiederum analogen Bestrebungen in England z. B.A. Held, Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands . 1881.