Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 487
erheirateten Dienstmädchens; oft sind überhaupt keine vorhanden.Diese „Bäckermeister“ sind durchaus als Arbeiter im Dienste desKapitals zu betrachten. Dieses drängt sich von zwei Seiten an sieheran: von der Seite der Mehlhändler und von der Seite der Bau-spekulanten her.
Erstere, die Mehlhändler oder Mühlenbesitzer, sindbestrebt, ihrem Artikel Absatz zu verschaffen dadurch, dafs siemittellosen Bäckern den Betrag für bezogenes Mehl kreditieren, bisdiese aus dem Erlös der verkauften Bäckerware, etwa nach demersten Vierteljahr, in den Stand gesetzt sind, ihre Schuld zu be-gleichen. „Nur wenige Bäcker“, heifst es in dem Bericht überBreslau (U. VII, 111), „sind in der Lage, gegen bare Zahlungkaufen zu können; die meisten nehmen ihr Mehl auf Kredit, derihnen infolge einer grofsen Konkurrenz unter den (über 60) Mehl-händlern sehr leicht auf längere Zeit gewährt wird. Durchschnitt-lich ist der Kredit auf 2 Monate bemessen, jedoch werden gröfsten-teils 3, manchmal auch 4 Monate daraus.“ Kapitalerfordernis istso gut wie keins vorhanden: „Es kommt ja nur darauf an, dieMiete für das erste Quartal zu bezahlen und eventuell das Inventarzu vervollständigen, das Mehl wird auf Kredit bezogen, der demBäcker förmlich ins Haus getragen wird“ (a. a. O. S. 114) h ÜberBerlin erfahren wir folgendes (U. VII, 147): „Zwischen dem
grofsen Mehlhändler und dem Bäcker steht oft erst wieder einMehlagent. Von ihm kauft der Bäcker das Mehl in verhältnis-mäfsig kleinen Quantitäten“ ; der Bäcker, dem die zum Mehleinkaufnötigen Kapitalien fehlen — und dies ist „bei der überwiegendenMehrzahl gerade der Kleinbetriebe der Fall“ —, gerät in Abhängig-keit vom Mehlhändler. Dem „durch die starke und gewifs nichtimmer saubere Konkurrenz der Mehlagenten beförderten Kredit-geber an notorisch zahlungsunfähige Bäckermeister“ . . . ist . . „dieEntstehung so mancher kleinen Betriebe zuzuschreiben, deren Be-gründung ohne jedwedes lokales Bedürfnis einfach durch „„Ein-setzen““ des Bäckermeisters seitens des Mehlhändlers erfolgt ist“.Dasselbe Bild in München 3 .
] Vgl. auch Oldenberg , Der Maximalarbeitstag im Bäckergewerbe.(1894), 125. Friedrich Frhr. zu Weichs-Glon , Die Brotfrage und ihreLösung. (1898), 18 f.
2 Ph. Arnold, Das Münchener Bäckergewerbe. (1895), 46 f. Ganz ähn-liche Verhältnisse in Paris , wo 90% aller Bäckereien in Abhängigkeit vonder Müllerei stehen. Vgl. La petite industrie ä Paris ; Tome I (1893), p. 42(Publikation des Office du Travail), und Wien : vgl. M. Wolfram, Das